Labor 17

Das dritte Labor mit Utopieverdacht: 24.-30. Juli 2017

27 junge Menschen aus allen Disziplinen kamen für eine Woche auf einer Burg zusammen, um sich der Zukunft in einem verschwendungsvollen Experimentierraum mit kritischer Naivität zu stellen. Im Mittelpunkt standen das gemeinsame Denken und Utopieren, die Vernetzung engagierter junger Menschen, der Austausch von Ideen und der Beginn konkreter Projekte.

 

 

Während des Labors entstanden diverse utopische Textkörper…

 

#1

Das Wirwahr von Rothenfels

Ein utopischer Mythos

 

»I swear, I never sing the truth again

A fool, the one who tries

Freedom is a joke, and murder is a sin

But the truth is a hangman in disguise«

(Long Tall Jefferson)

 

I

Damals, zwischen 2015 und ’17 trafen sich in den drei aufeinanderfolgenden Jahren, erst 70 dann rund 30 junge und ältere Erwachsene, um Utopien zu denken und die spätere Welt zu planen. In bestimmten, eingeweihten Kreisen wird dieses Jahrdritt heute auch als »die Geschwisterjahre der Laboratorien« bezeichnet. Im letzten der dreien kam es – unter ungeklärten Umständen – zur Gründung zweier Geheimgesellschaften. Die Tagung, die den späteren Lauf der Welt entscheidend prägen sollte, fand in einem Tagungszentrum der Burg Rothenfels statt, die von einer Jugendherberge bewirtschaftet wurde (Jugendherbergen waren – in jener goldigen Zeit als AirBnB noch kein Monopolist war – Unterkünfte, wo Menschen günstig übernachten konnten, weswegen Jugendherbergen vornehmlich unter Jugendlichen beliebt waren).

Die Burg Rothenfels lag auf einem Hügel in der Gegend Main-Spessart. Bis 2035 war der sie umgebende Landstrich nur dünn besiedelt und das Main-Volk lebte in, von damaligen Spiessern als idyllisch wahrgenommenen, Einfamilienhäusern, die, zu Dörfern verbunden, schon damals den – die Dörfer besuchenden – Städtern als antiquiert erschienen.

II

Das Labor 2017 begann so, wie auch die vorhergegangenen Laboratorien in den beiden Jahren zuvor begonnen hatten: Die meisten der anwesenden Teilnehmerinnen reisten, wie üblich zu jener Zeit, mit Diesel betriebenen Bussen an (Diesel war ein Energieträger, der bis ins Jahr 2030 von sogenannten Verbrennungsmotoren zum Zweck der Energiegewinnung verbrannt wurde). Diese Art der Anreise dürfte auch damals schon keine besondere Herausforderung gewesen sein.

Als die Tagung Montags begann, verschlechterte sich das Wetter zunehmend, und bald setzte nach nur wenigen Sonnenstrahlen Regen ein. Montag, Dienstag und Mittwoch blieben, wie ein Blick in die Wetterdaten jenes Sommers zeigt, die ersten und einzigen nass-kalten Stunden dieses Julis. Das garstige Wetter dürfte denn zusätzlich zu den schwerwiegenden Ereignissen auf die Stimmung der Teilnehmenden gedrückt haben. So zeugen die – erst fünfzehn Jahre später entschlüsselten – WhatsApp und Telegram-Nachrichten, die von der Burg verschickt wurden, von einer ungewöhnlich resignierten Grundstimmung der Teilnehmerinnen. Weltpolitische Gründe, die zur resignierten Grundstimmung beitrugen, waren: Der Brexit, der heute als Anfang vom Ende der ersten europäischen Union gilt, wie auch die US-Präsidentschaft Donald Trumps. Wichtige weltpolitische Geschehnisse jener Jahre, die heute fast in Vergessenheit geraten sind, waren Erdogans Putsch in der Türkei, die im Sand verlaufenen Proteste gegen die G20 (Die G20 war eine Zusammenkunft der grössten zwanzig Industrienationen), der Diskurs um den Klimawandel sowie der dem Anschein nach nicht enden wollenden Bürgerkrieg in Syrien, usw. usw.. Gerade in politisierten studentischen Milieus sorgten diese Gegebenheiten und Diskurse für viel Kopfzerbrechen. Viele fragten sich mit Lenin: Was tun? Agonie und Regentage wirkten sich zunächst positiv auf die Gruppe aus und führten dazu, dass die Anwesenden im Verlauf der Woche einander näher kamen. Agonie, Regentage und die zunächst fröhlich und respektvoll scheinende Gruppendynamik bargen zusammengenommen explosives Potential.

Am Anfang stand ein Zerwürfnis zwischen zwei Gruppen. Die Friktion zwischen den antagonistischen Lagern, die lediglich und ausschliesslich ein Sturm im Wasserglas auf dem Nebentisch einer etwas zu abseits gelegenen Burg zu sein schien, zeitigte Folgen wie es nur von wenigen anderen Ereignissen überhaupt behauptet werden kann. Ob der Streit Eifersucht, theoretische oder künstlerische Meinungsverschiedenheiten zum Grund hatte, lässt sich Jahre später nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht war auch nur eine bestimmte Sternkonstellation am Werk (Die Tatsache, dass in den Medien jener Zeit Horoskope der zwölf Tierkreiszeichen ebenso selbstverständlich abgedruckt wurden wie die tägliche Wettervorhersage, lässt darauf schliessen, dass die Stellung der Sterne damals, einen, mindestens placebisch effektiven, Einfluss auf den Lauf der Dinge genommen haben.) So oder so, die Tatsachen verlieren sich an dieser Stelle im Dunst der Historie und alle Erzählungen behaupten andere Gründe und Ursachen. Das erwiesenermassen glaubhafteste aller Narrative berichtet aber wie folgt:

III

Einige Teilnehmerinnen sollten später nicht von der Burg zurückkehren. Während die Laborantinnen nachdrücklich und plausibel darlegten, dass diese dem Vorbild Henry David Thoreaus gefolgt seien und nach Erleuchtung suchend im Wald niedergelassen hätten, hielt sich unter den Bewirtschaftern der Burg und bei Bekannten von Überlebenden hartnäckig das Gerücht, dass einige der Anwesenden hinterrücks gemeuchelt wurden: im Schlaf, beim Pinkeln, im offenen Burghof usw. usw..

Diese Morde wurden, sofern sie überhaupt stattgefunden haben, wovon aus guten, nebulösen Gründen ausgegangen werden kann, geheim gehalten und sie fanden weder Aufklärung noch Sühne. Wahrscheinlich ist, dass die Überlebenden sich zu zwei Geheimgesellschaften verschworen. Und so lassen die späteren Karrieren der Überlebenden erahnen, dass es zwei antagonistische Lager gewesen sein mussten, die einen erbitterten Kampf jenseits von Gut und Böse führten. Die Erzählung aber will, dass die Organisationen, die die Parteigängerinnen der beiden Lager gründeten, die Geschicke der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf entscheidende Weise prägen sollten.

IV

Die eine der beiden Vereinigungen, die sich als Social-Enterprise Start-up tarnte, war in Wahrheit eine dem akzelerationistischen Anarchismus verpflichtete und kommunistisch gesinnte Geheimgesellschaft, die ihr Unwesen bis in die späten fünfziger Jahre des 21. Jahrhunderts trieb. Das Unternehmen beerbte, unter falschem Vorwand, die Bankenbranche durch eine Transaktionstechnologie, die die zu jener Zeit noch als revolutionär geltende Blockchain-Technologie verfeinerte und einen Paradigmenwechsel in der Eigentumsverwaltung einleitete. Letztlich stellte die Geheimgesellschaft die weltweite Vermögensverwaltung vom Kopf auf die Füsse mit dem Ergebnis, dass alles Eigentum letzten Endes kollektiviert wurde. Daneben stehen zahlreiche weitere Morde an Maschinen und Daten im Zusammenhang mit der Agitation der A2G2, der Akzelerationistisch-Anarchistischen Geheimgesellschaft.

V

Die andere der beiden Geheimgesellschaften verschrieb sich dem Murrlismus, einer damals neuen, auf sprachphilosophische Überlegungen und übertriebene Katzäophilie zurückgehende Nichtideologie, die gemäss ihres Mythos‘ dem Mystizismus eine neue Grundlage gab und jedwedes Diktat von Bedeutung zurückwies. Die Murrlisten gründeten einen Nicht-Staat nach undefiniertem Vorbild, wo in einem Turm die Fäden der Weltpolitik gesponnen wurden. Sicher ist allerdings nur, dass die Murrlisten, wie sie sich in Anlehnung an die Leninisten und Zappatisten nannten, den Mythos gegen die Utopie – und umgekehrt – stark zu machen trachteten. Allen berechtigten Zweifeln zum Trotz ist das überlieferte »Manifest der Murrligen« Beweis für deren Verschwörung.

Womöglich basierte der Antagonismus der beiden Gruppen letztlich auf der Frage, ob der jugendherbergliche Kaffee als gut bezeichnet werden konnte. Obwohl die Laborantinnen sich darin einig waren, dass Aufklärung nur durch das Austreiben des Mythos erkauft werden kann, hielt der Mythos an, dass jeder, der den Kaffee trinkt, eine kleine Heldenreise absolviert und dadurch gleichsam automatisch zum Monomythos wird. Die Antwort auf die grundlegende Frage, ob Brot oder Brot, blieb, dass schon der Mythos Aufklärung ist, und: Aufklärung in Mythologie zurückschlägt.

VI

Kurz nach dem Labor 2017 zerbrach die erste europäische Union an ihren inneren Widersprüchen. Nach Jahren des Streits zwischen paneuropäischen Republikanern, zu denen auch einige Murrlisten gehörten, die damit zu Postmurrlisten wurden, und den Agitatoren des akzelerationistischen Anarchismus schlossen die beiden Gruppen Frieden, indem sie, nach Jahren des Fernbleibens, den – noch heute Gültigkeit habenden – Vertrag von Rothenfels unterzeichneten.

Besagter Vertrag ist das Gründungsdokument der noch heute und in alle Ewigkeit bestand habenden zweiten Republik des Vereinigten Europas. Damit kommt dem Mythos seine eigentliche Bedeutung zu. Er erzählt die Geschichte vom Verlust aller Utopie, um die Utopie dort aufscheinen zu lassen, wo nie eine zu finden war. Und so wird er zur Legitimation des künftigen Europas und endlich: der Mythos ist Utopie! Das Gründungsdokument entstand dergestalt, als eine Kaffeetasse, mit Inhalt gefüllt, über einem Text umfiel, womöglich durch eine zwar elegant ausgeführte, letztlich aber ungeschickte Bewegung einer taumelnden Katze. Das Lesen des Kaffeesatzes eröffnete den Sehenden zwar keinen Blick in die Zukunft, die Zensur durch das erdölgleiche Genussmittel eröffnete aber in der unerbittlichen Kontingenz der Verteilung der schwarzen Flüssigkeit eine Möglichkeit zur Reflexion auf die Vergangenheit.

Das zunächst nur spasseshalber geäusserte Wort »Murrlige aller Länder vereinigt euch!« führte so zum endgültigen und letzten Frieden und einem globalen utopistischen Selbstverständnis von Mensch, Katzen und Maschinen als progressives »Wirwahr«.

 

#2

DAS MURRLIGE MANIFEST

 

KAPITEL 1: MURRLIGKEIT

Die Murrligkeit ist unter uns, in uns, um uns.

Die Murrligkeit beschreibt einen Zustand des Unbehagens, des Ausgeliefertseins.

Die Murrligkeit kommt immer dann, wenn wir uns bewusst werden, wie unser blosses Sein andere ausbeutet und unterdrückt. Insofern ist sie der Wohlstandsdepression verwandt.

Trotz unseres zentraleuropäischen Privilegs sind wir Überschussware des globalen Marktes. Wir sind die Hektoliter Milch, die täglich ins Mittelmeer geschüttet werden.

Nur als Teil einer Masse der Konsumenten und nicht als Menschen sind wir für das Kapital von Interesse. Als Mensch ist uns murrlig.

Wir werden nie Rohstoffe schürfen, noch den direkten Gewinn aus ihnen abschöpfen. Wir werden das Produkt kaufen und konsumieren.

Die Menschen sind innerhalb der Grenzen gefangen, die die Bedingung für den freien Kapitalverkehr schaffen.

Dem entgrenzten Kapital gehen wir am Arsch vorbei. Ergo, enthält unser Set an Privilegien nicht die Werkzeuge das Wesen des gegenwärtigen Kapitalismus zu demontieren.

 

KAPITEL II: WIE WIR ZUR ALLGEMEINEN MURRILGKEIT BEITRAGEN

Wir, die Murrligen, sind leer.

Uns wurde gesagt die Welt sei sicher und wir haben es geglaubt. Das ist vorbei.

Wir sind gefangen zwischen Neoliberalismus und Pseudokollektivismus (Aldi und Al Natura, Benz und Tesla, usw. usw.).

Wir kreisen vereinzelt um uns, in einer Endlosschleife aus Selbstgesprächen.

Wir führen keinen Dialog mit jenen vor uns und nach uns.

Wir können nichts, tun nichts, wir enttäuschen.

Wir können nichts tun, weil wir an nichts glauben.

Wir sind uns selbst eine allumfassende Gegenwart.

Wir sind uns verloren gegangen.

Wir sind ängstlich.

Wir sind uns selbst murrlig.

Wir haben kein Erbe und keine Aufgabe.

Das politische im Privaten ist mit uns zur Biedermeierei verkommen.

Die Menschheit muss uns überwinden. Wir müssen uns überwinden.

 

KAPITEL III: WAS WIR DER ALLGEMEINEN MURRLIGKEIT ENTGEGENSETZEN KÖNNEN

Wir müssen das historische Bewusstsein erhalten.

Wir müssen auf die Aushöhlung und den allgegenwärtigen Zerfall des Sozialen und Politischen hinweisen.

Wir müssen ein Experimentierfeld sein für das Soziale und Politische.

Nur so können wir die notwendigen Werkzeuge für uns und die Nachgeborenen in der Neuen Welt zur Verfügung stellen.

Wir, die Murrligen, sind die Ersten, die der dräuenden Auslöschung der Welt ins Auge schauen.

Wir, die Murrligen, sind die Ersten, die sich ihr stellen müssen.

Wir, die Murrligen, werden die Ersten sein, die mit ihr untergehen können.

 

KAPITEL IV: DER MURRLISMUS FORDERT

Der Murrlismus fordert eine radikale Umwälzung aller herrschenden Gegebenheiten.

Wir müssen uns bewusst machen, dass kein Determinismus absolut ist und die Geschichte weit offen.

Wir fordern die Abschaffung des Patriarchats.

Wir fordern eine progressive Alterssteuer kombiniert mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Wir fordern eine demokratische Diktatur der nachfolgenden Generationen (graduell geregelt). Der Murrlismus ist die erste Partei, die den Zeitstrahl der Machtverteilung invertieren wird. Wir fordern radikale Flüchtigkeit.

Usw. usw. usw.

 

Es ist genug für alle da, überkommt Eure Ängstlichkeit!

Es scheint die Murrligen hätten alles zu verlieren, dabei haben sie eine Welt zu gewinnen!

Murrlige aller Länder, vereinigt euch!

 

Unbenannt

 

#3

Sprechblase der Kommission für gemeine Vereinbarungen

Utopistische Rede vor dem Wirwahr

Liebe Mit-Utopistis, @AI, geneigtes Wirwahr, geliebte Pflückerin des vierblättrigen Kleeblatts, lieber C.

Stolz zählen wir uns zu den Anderen Nochnichtkonstituierten: Mutig, trotzig und phasig behaupten wir Friedfertigkeit, Freiheitssinn und Fortschrittlichkeit.

Doch die aktuellen Ereignisse nötigen viele von uns, innezuhalten und zu fragen:

Wie lange noch?

In den letzten Tage mehren sich Ausbrüche von Trollereien und freien Dissonanzen.

In geheimen Freibrätlerlogen verzehren manche heimlich heimische falsche Hasen.

Andere gründen Grundsatzdiskursionsvereine Pro Ethische Sklavenhaltung.

In meiner Funktionalität als Sprechblase der Kommission für gemeine Vereinbarungen, schliesse ich mich – in der Sache – den gegen solcherlei Umtriebe gerichteten BlockadeCrosswords bloggender BogusBots uneingeschränkt an.

Und doch muss ich nun mein Wort erheben, ja und, bei allen berechtigten Ächtungen dieser Äusserungen refkalen Überschwangs, die unsere Herzen und EchoDungeons mit der aufrechten Selbstgerechtigkeit eines utopistischen Wirrs pulsieren lassen:

Was wäre eine Gesellschaft ohne undurchlässigen, unverzeihbaren, ja, undurchgehlassbaren Widerstand?!

Ohne einen Widerstand also, der uns zur Reaktion zwingt, zur brutalen Repression dessen, was möglich wäre, das uns bewusst macht, dass immer etwas anderes möglich sein muss – und dass das, was ist und was wir als gut bewahren, möglicherweise nicht das einzig Beste und Gerechteste ist.

In unserem allseits bekannten Konsituierungsmythos als utopistisches anderes Nochnichtkonstituiertes Wirwahr zelebrieren wir die Verallgemeinerung des Kollektiven, die Entstehung des liebevoll utopischen Wirwahrs. Die Konsituierung eines Wirrs, das unter Vermeidung refkaler Ausbeutelung und durch die Kreation des selbstständlichen unpropriierten Eigentums, die erste globale Post-Friedensphase der bekannten Historie errichten konnte – und sich viel darauf einbilden darf – und sicherlich auch so einiges darauf einbildet.

Nun sind wir damit konfrontiert, dass die schweinigen Carnivoris und Neoversklavis uns vorführen: Dieses Wirr gibt es nicht. Nexistepa! Zwar können wir unsere Ohren verschliessen, oder auch der Carnivoris refkale Münder. Doch ihre Rufe pingpongen im cyberboguschen Widerhallwalla, wo wir weder Handhabe haben, noch diese wollen!

Und genau das ist auch gut so!

Denn fragen wir uns also: Begrüssen wir eine reaktionäre carnivore Subversion, die uns in ihrer geballten Verabscheuheit aufrüttelt?

Ja.

Immer, ja.

Denn nur dadurch, und dagegen können wir uns in der Ablehnung der Reaktion unserer Progressivität versichern.

Reicht dieser reaktionäre Widerstand aus, das Wirwahr voranzubringen?

Nein.

Immer nie.

Denn, wie wollen wir die Verwirrung, die Verirrung, vollenden, wenn uns keine radikal-visionäre aussernichtkonstituierte Gegenbewegung den Weg weist?

Unsere Innovationswerkstätten können uns nur mit einer unvollständigen Spielweise des Fortschritts versorgen.

So sehr es also schmerzt, wir sind als Utopistisches Wirwahr stets auch auf den progressiv-autonomen Widerstand angewiesen (wie die Carnivoris auf das Antibiotika angewiesen sind) – und auch sind wir angewiesen auf die Bekämpfung eben jenes Widerstandes, denn nur in der Bekämpfung des progressiven Widerstandes kann der progressive Widerstand wirkungsmächtig werden und uns verwirren.

Wo immer wir also auf berechtigten oder, aber, beziehungsweise ja und, immer auch voreiligen Widerspruch treffen, der uns – wahrscheinlich fast fälschlicherweise – Reaktivität und fortschreitende Konstituierung vorwirft, sind wir aufgerufen, die uns selbstgegebenen Repressionsmechanismen zu schärfen und zu unterdrücken, was zu unterdrücken ist. Unterdrücken wir den Widerstand, bis er uns verbessert, auf das wir wahrlich wirr werden!

Dankeschön.

 

#4

DAS VOLK LUV UND SEINE ENTSTEHUNG. EIN MYTHOS.

Im Jahre Null fanden sich der legendäre Gründertrupp tief in den dunklen Wäldern im Lande der weissen Männer zusammen.

„So geht es nicht weiter!“ sagten sie, und zogen in den Kampf. Doch die weissen Männer waren stark und nicht zu besiegen.

„Es reicht!“, sagten sie, packten ihre Bücher und Biere und zogen in den Norden, durch die tote Wüste, über die kalten Berge, durch das Feuerland, vorbei an den sieben Steinen, bis sie die Burg der weissen Christen erreichten.

„So ist es gut“, sagten sie und unterwarfen das Burgvolk mit ihren kapitalistischen Waffen.

Doch die Burg war einsam und das weisse Christenvolk stets darauf besinnt, das noch junge Luvvolk zu vergiften.

Erste Mehrungsversuche scheiterten und in dieser dunklen Stunde kam dem legendären Gründungstrupp in ihrer göttlichen Crowd-Intelligenz die Vision.

So verwandelten sie sich in Tiere, ein Wiesel, ein Bär, eine Biene und ein Tapir waren es, und begaben sich zurück in das weisse Männerland, um Anhänger zu finden.

Nach ersten Misserfolgen – die Details sind in einem anderen Mythos geregelt, wuchs das Luvvolk bereits im 3. Jahr auf 30 Nasen an. Doch der legendäre Gründertrupp ward nicht mehr gesehen. Es wird gemunkelt, dass sie in einem lokalen Zoo untergeschlupft sind, doch eines ist sicher: Sie leben fort in den Utopien und Mythen des Luvvolks.

 

Unbenannt

 

#5

Kurzportrait 2070

Cedric akzeleriert den romantischen Science Fiction und glaubt mittlerweile an die Revolution.

Pascal findet man im Hive oder bei seinen Bienenstöcken in der italienischen Campagna.

Stefan steht einem Lehrstuhl aus voll-tätowierten kettenrauchenden und murrligen Intellektuellen vor.

Martin ist leidenschaftlicher Mythenerzähler geworden und predigt die Neue Welt.

Urs findet immer noch, dass AI keine Literatur hervorbringen kann und schreibt vernichtende Kritiken von Computer generierten Romanen.

Anna ist Rektorin der Uni Luzern.

Sebastian ist Freizeit-Manager von Leuten, die nicht wissen, wie sie ihr Bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen können.

Julia ist Herausgeberin akzelerierender Literatur, glaubt aber nicht an die Revolution.

Nele bereist mit ihrem Cyborg-Kabarett die Bühnen der Welt.

Tranquillo entmythologisierte die dunkle Materie und meditierte jetzt hauptamtlich.

Saskia erklärt Kindern mit viel Liebe, dass Babys nicht von Robotern stammen.

Xenia lässt sich von jungen Studienabgänger_innen mentorieren und ist somit am Puls der Zeit.

Cleo sorgt dafür, dass der Name Glencore mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt wird.

Johannes programmiert hobby-mässig Drohnen um Ernteüberschüsse aus seinem Garten gerechter zu verteilen.

Jemil ist jetzt eins mit der AI geworden, besetzt aber im Sommer immer ein Avatar, um in Korsika Klettern gehen zu können und Bier zu trinken.

Paula macht sich das Prinzip des Lebenlangenlernens zu eigen und studiert noch.

Tom verwaltet die dynamische Stadtentwicklung der fliegenden Polis.

Marcel betreibt eine Werkstatt für Oldtimer mit Verbrennungsmotoren und Regalbau.

Caro führt auf einem Exoplaneten Aliens in die Fesseltechnik ein.

Marius spricht als erster Bundesrat wienerisch und hinterfragt damit Schweizer Gründungsmythen.

Simon gründet die erste extraplanetare Musikschule und hitchhiked durch die Galaxie zu seinen Gigs.

Jonathan ist gefeierter Begründer der Molinski-Method in der freien Pädagogik.

Julian arbeitet als Pizzaiolo – jetzt aber Vollzeit.

Miriam lebt die Neue Welt in der paneuropäischen Republik.

Dominik ist Herr der krassen Tasse und steht im erbitterten Zweikampf mit Amazon.

Sam sitzt in seinem abgefuckten Tesla und wechselt das Band seiner Schreibmaschine.

 

Unbenannt