Dringlichkeiten

Was bringt Menschen zum Labor mit Utopieverdacht? Was bewegt sie? was beschäftigt Sie? Und sowieso, was soll das mit der Neuen Welt?
Die ganz subjektiven Antworten der Teilnehmenden aller Labore mit Utopieverdacht.

 


Hier werden nach und nach die 5/11 Seiten der Labors mit Utopieverdacht 2018 veröffentlicht.

 


3/7 Seiten der Teilnehmenden des Labors mit Utopieverdacht 2017

#17.1

Klassentreffen der Unternehmungen

„Mensch, die Nichtregierungsorganisation sieht irgendwie alt aus, fast wie ein Fossil ohne Brennstoff.“

„Dabei hat sie doch so viel angehauen, damals.“

„Stimmt, da hatte sie noch richtig Bewegung. Weisst du noch, das mit dem Schlauchboot?“

„Oh, guck mal, ist das da drüben nicht Mister Effektiver Altruismus?“

„Stimmt, den hätte ich in dem Anzug kaum wiedererkannt.“

„Manchmal frage ich mich, wieso ich ihn so sehr hasse.“

„Wirklich? Du hasst den effektiven Altruismus?! Du hast dich aber früher in der Pause auch nicht beschwert, wenn er dir eine halbe Saite Speck abgegeben hat, damit du für den Buttersäure-Streich den Kopf hinhältst.“

„Naja, es konnten ja auch nicht alle vom Foodwaste der Schulkantine satt werden, so wie du mit deiner Trittbrett-Genossenschaft.“

„Pass auf was du sagst! Wir waren ein Social Start-Up und haben echten System-Change von innen erreicht… was hast du überhaupt je erreicht mit deinen Klassenclown-Performances à la Think-about-it?“

#!@?!&$!

Am LUV17 möchte ich alle Spielarten idealistischer Unternehmungen (z.B. Social Entrepreneurship, NGO, Parteipolitik, Aktionskunst, Lobbyismus, Leserbrief, Terrorismus, effektiver Altruismus) auf eine grosse Pappwand schreiben und für jede Spinnerei, die so im Laufe der Woche aufkommt, ernsthaft diskutieren und durchspielen, welcher Ansatz am besten geeignet wäre, um etwas zu erreichen. Vielleicht entdecken wir so auch einen neuen Holzweg?

 

#17.2

print „Hello LUV!“

mwk/luv2.py

    print „Hello LUV!“
 
potential_content = raw_input(„Name one of your urgencies?“)
potential_collegues = raw_input(„Who shares this urgency with you?“)
potential_methode = raw_input(„How do you want to approach this shared urgency?“)
 
if len(potential_content) > 0 and potential_content.isalpha():
if len(potential_collegues) > 0 and potential_collegues.isalpha():
if len(potential_methode) > 0 and potential_methode.isalpha():
    print „Imagine yourself far away on top of a hill inside and around a castle with %s, envisioning the future of %s, while %s.“ % (potential_collegues,potential_content,potential_methode)
#It may sound creepy, but trust me it’s not. 😉
else:
    print „Try again“
 
def luv_approach(f,u)
    # f = number of recurring folks
    # u = number of shared urgencies
    if f >= 20 and u == 1:
        return „Tackle the shared urgency and explore it from diffrent angles for the five following days!“
    elif f < 20 or u >= 2:
        return „Getting to know the intriguing strangers and being inspired by urgencies and point of views that lay outside one’s own filter-bubble…“
    else:
        return „The werewolves are watching you!“
 
luv_approach() #add your arguments here!

 

#17.3

Lots of orbits! (finger points to our blue planet)

#3_Clara_Orbits.jpg

#17.4

Debattierzimmer
Ich sitze da
im Debattier-Zimmer
gesprochen wird wenig
geraucht noch in der letzten Kneipe der Stadt
dem Literaturhaus Zürich.
Ich sitze da
rauche
schaue zu
und höre, das diskutiert wird
nur wenig, debattiert schon lange nicht mehr.
Genickt wird, brav die Schafe
Genickt
Genickt
und die Milliardengewinne der Zarra-Chemie angeführt
als Argument um die Lebenden zu regieren
mit der Ökonomie der Politischen
Und ich sitze da
im Rauch der nickenden Schafe
und frage mich.
Kennt ihr Utopie?

Die braucht es
Mehr als nötig
Utopien gegen die nickenden Schafe
und das Recht ein Wort zu sprechen
frei und utopisch
im Debattierzimmer
Wir und du
du und ich.
Bist du dabei
Im Utopiezimmer?

 

#17.5

 

#17.6

Mich beschäftig, wie wir zusammenleben wollen.

Als Paare: muss das sein, diese Zweierkisten? Wie können wir die ausgestalten, damit wir glücklich bleiben?

Als Familien im Sinne von Menschen mit Kindern: was braucht es, damit Kinder glücklich aufwachsen können und ihre biologischen Eltern sich nicht darauf reduziert sehen, Eltern zu sein?

Als Gesellschaft, in der Menschen aus aller Welt leben: wie können wir so zusammenleben, das wir alle mehr davon haben?

Als Menschen auf einem Planeten, den wir zugrunde richten: Wie können wir uns selber (und in einem nächsten Schritt dann vielleicht auch andere) dazu bringen, so zu leben, dass Leben auf der Erde für Menschen auch noch in 200 Jahren möglich ist? Müssen wir wirklich bei uns selbst anfangen oder ist das eine Quatschidee, die uns davon abhält, jene zur Verantwortung zu ziehen, die wirklich etwas ändern können?

 

#17.7

Als Mensch und als Psychologin beschäftigt mich unser soziales Miteinander; der vertiefte Blick ins iPhone, doch der leere Blick ins Gesicht des Gegenübers. Wir sind wie vereinzelt durch die Landschaft streunende Wesen, die verlernt haben, was es heisst, den anderen wahrzunehmen, sich für eine fremde Person einzusetzen, mehr Freude aus dem Echten als dem Virtuellen zu ziehen. Obgleich ich all das wahrnehme und mir wünsche, dass es anders ist, merke ich wie verlockend einfach es ist, es dem Gros nach zu tun und sich ebenfalls im Nirwana der unbekümmerten Ichzentriertheit abzukapseln. Und doch sehne ich mich danach, dass es anders ist; meine kleine Utopie für das grosse Ganze. Zusammen möchte ich Ideen für das generieren, was es heisst, wieder mehr Gemeinschaft und Austausch zwischen uns entstehen lassen zu können.

 

#17.8

Wir leben in einer Zeit in der vieles möglich scheint, was früher undenkbar war. Roboter und künstliche Intelligenzen übertreffen die physischen und kognitiven menschlichen Grenzen bei weitem. Die Gentechnologie erlaubt uns, noch nie dagewesene Lebewesen zu kreieren. Und sogar einige Wissenschaftler gestehen, dass der natürlich Tod in den nächsten paar Jahrzehnte von uns scheiden wird. Alle diese Entwicklungen kamen wie eine Flut in den letzten Jahren.

Was heissen diese Entwicklungen und Fortschritt für uns als Menschen? Gestalten wir noch mit oder strampeln wir nur noch, um nicht im reisenden Fluss der technologischen Entwicklung unterzugehen?
Was steckt hinter diesem Fortschritts und Entwicklungswahn? Liegt dahinter ein streben nach Glück und Zufriedenheit? Wollen wir die Welt verbessern? Stecken dahinter reine Kapital- oder Machtinteressen? Waren die Jäger und Sammler weniger glücklich als wir? Der Technologische Fortschritt hat die Armut und Hunger verringert, Analphabetismus reduziert und zu mehr demokratischen Staaten geführt. Gleichzeitig, ist da die andere Seite der Medaille, welche zu übelsten Umweltverschmutzungen, zur Verdrängung von nicht- westliche Kulturen und zu einer obszönen Kluft zwischen Arm und Reich geführt hat. Genau wegen dieser zwei Schneidigkeit von Fortschritt und Entwicklung, ist es mir wichtig, dass wir uns bewusst sind, wohin wir das Ganze treiben wollen.

Als Zukunftsoptimist, Physiker und Biotechnolog glaube ich an eine evolutionäre Entwicklung. Trotzdem müssen wir versuchen die evolutionären Rahmenbedingungen gestalten.

 

#17.9

Ich gehe gerne auf Reise, Ideenreise. An mir noch unbekannte Orte, um mich selbst im Raum neu zu entdecken und weiter zu entwickeln. Neue Einflüsse zu gewinnen, von Bewegtem, Unbewegtem und sich-selbst-Bewegendem. Durch ganz viel Austausch, gesprochen, getanzt oder wie-auch-immer. Denn durch Diskurs entstehen neue Ideen, vor allem wenn man alte Denkmuster und Rahmen einmal weglässt.

Durch Besuche an diversen USO-Workshops (Union Schülerorganisationen Schweiz und Lichtenstein) und an der Eidgenössischen Jugendsession, habe ich gesehen, welche Chancen ein offener Diskurs hat. Ja, man kann sich einmal in einem Gedankenstrang verheddern. Man kann ihn aber auch in ein gemeinsames Gedankennetz einflechten, so dass dann ein grosses Ganzes entsteht.

Aus der Sicht einer Pädagogin in Ausbildung, mit einem grossen Interesse für Politik, Soziologie und Psychologie, beschäftigt mich vor allem das zukünftige Miteinander (oder Nebeneinander? Geht ein konsequentes Miteinander überhaupt?).

Für meine Maturaarbeit habe ich mich mit Bildung und Integration vertieft auseinander gesetzt, ein Thema welches momentan – mal seriöser, mal unseriöser – vielerorts diskutiert wird. Es wird ein schnelles Handeln der Behörden verlangt, während die staatlichen Instanzen kaum Richtlinien haben, an denen sie sich orientieren könnten. Für meine Arbeit habe ich Feldstudien betrieben, ohne selbst Vorschläge zu bringen. Das entspricht aber weniger meiner Natur, da ich normalerweise gerne mit anderen kreativen Köpfen Ideen und Vorgehen aushecke, möglichst interdisziplinär.

Da ich erst diesen Sommer meine Matura machen werde, habe ich ein Grundwissen von allem (mit etwas vertiefteren Kompetenzen in Pädagogik und Psychologie). Das heisst, ich bin noch nicht allzu fest auf einer Spur eingefahren und durch meine Schule an unterschiedliche Herangehensweisen gewohnt worden.

Methodisch könnte ich mir im LUV17 das Eine oder Andere für spätere Schullager oder Workshops abschauen.

Inhaltlich möchte ich gerne meinen Horizont erweitern und Neues dazulernen.

Sozial, last but not least, freue ich mich auf viele motivierte Querdenker, die dazu bereit sind, auch einmal auf Abwegen zu suchen.

 

#17.10

If basic income sounds Utopian to you, then I’d like to remind you that every milestone of civilization – from the end of slavery to democracy to equal rights for men and women – was once an Utopian fantasy too. Or, as Oscar Wilde wrote long ago: „Progress is the realization of Utopias.“ – Rutger Bregam http://bit.ly/2pdifUi

 

#17.11

Ich bin auf der Suche nach meiner eigenen Utopie. Und: wie bringt man nun das Wissen der Akademien in die Gesellschaft ein und fördert eine aktive, lösungsorientierte Generation? Mitbringen tu ich meine Erfahrungen als Non-Formal Education Trainer, aktiver Mensch, Träumerin und frischgeschlüpfte Studiumsabsolventin.

 

#17.12

Sehr geehrte Neue Welt,

mit großem Interesse habe ich die veröffentlichte Stellenausschreibung der {Neue Welt} gelesen. Da ich {eine generelle Verbesserung der Situation} anstrebe und {mich die Produkte Ihres Unternehmens begeistern}, möchte ich Ihnen nun aufzeigen, dass ich für die vakante Stelle geeignet bin.

Aktuell bin ich bei {X} als {Data Lead} angestellt. Meine Aufgaben in dieser Position beinhalten {Automatisierung} und {Systemwandel}. Darüber hinaus besitze ich durch meine Berufspraxis {Auslandserfahrung} und {Projektroutine} . Ich bringe daher alle Voraussetzungen mit, um die zu besetzende Stelle bestmöglich auszufüllen und zum Erfolg Ihres Labors beizutragen. Dieser spannenden Herausforderung fühle ich mich in mancherlei Hinsicht gewachsen. Insbesondere reizt es mich, dass ich {meine bisher gewonnen Erfahrungen ausbauen} und {mit Verdacht auf Utopie einsetzen} kann. Der Gelegenheit, {mich in Ihr Team einzubringen} und {an Projekten mitzuwirken}, sehe ich mit großer Freude entgegen.

Zu meinen persönlichen Stärken zähle ich vor allem {analytische Fähigkeiten}, {eine schnelle Auffassungsgabe} und {Engagement}. Diese bereits mehrfach erwiesenen Eigenschaften möchte ich künftig innerhalb der Neuen Welt zur Geltung bringen. Anwenderkenntnisse in {Improvisation} sowie Sprachkenntnisse in {Englisch}, {Niederländisch} und {Neusprech} vervollständigen meine Qualifikation.

Für eine Anstellung in Ihrer Burg liegt meine Gehaltsvorstellung bei einem Bruttojahresgehalt von -300 CHF. Ich stehe Ihnen ab dem 24.07.2017 zur Verfügung.

Damit Sie einen persönlichen Eindruck von mir gewinnen können, freue ich mich sehr über eine Einladung.

Mit freundlichen Grüßen

{X} und Generator.bewerbung.net

 

#17.13

Als frisch von der Uni ins Arbeitsleben gescheiterter Perfektionist stellt sich mir häufig die Frage: Wie viele von den Dingen, die wir Fehler nennen, sind nicht so schlimm, erlaubt, und vielleicht sogar gesund und notwendig? Wie ist ein Leben so zu gestalten, dass es Freude macht zusammen mit Rückschlägen und kleinen Nervigkeiten?

Ich denke, diese Fragen sind bedeutsam sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Denn Utopie ist für jeden etwas anderes und eine alle zufriedenstellende Konstruktion wird daher niemand finden können. Vielleicht bedeutet das auch einfach nur, dass Utopie gleichermassen von innen kommt wie ein äusserer Zustand ist. Mit Sicherheit wird es allerdings unumgänglich sein, auszuloten, was uns dauerhaft glücklich macht und wie wir es erreichen können auf eine Art und Weise, die uns nicht gegen andere stellt und und Raum lässt für Fehler. Denn wir werden sie machen.

An das Labor möchte ich mitbringen eine entspannte individuelle Perspektive und einen offenen Geist. Mit nach Hause nehmen möchte Ich viele neue Ideen, mir bisher fremde Zukunftsentwürfe (und wenn möglich Wein aus Würzburg).

 

#17.14

Würde die Abschaffung des Geldes zu einer neuartigen, besseren Gesellschaft führen? Wir alle sind vom Geld abhängig, Geld macht die Menschen zu Egoisten, vom Geld selbst wird gesagt, es kenne keinerlei Moral. Die Nachteile scheinen den Vorteil als universalisiertes Tauschmittel bei weitem zu übersteigen. Die Idee einer „geldfreien Gesellschaft“ allerdings scheint für die meisten völlig undenkbar. Mich dagegen interessiert die Frage, wie die Gesellschaft ausgestaltet sein müsste, damit sie ohne Geld auskommt. Wie müsste ein Gesellschaftsmodell aussehen, in dem die Mitglieder bereit wären zu arbeiten, ohne dafür einen Lohn zu bekommen? Bereit sein, den anderen Mitgliedern seine eigenen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, ohne dafür eine Gegenleistung zu fordern? Fähig sein zu konsumieren, ohne in Übermass die vorhandenen Ressourcen überzustrapazieren? Müsste es eine abgeschottete Kommune einer ideellen Elite sein, die bereit ist, füreinander und miteinander zu arbeiten, wie in der brasilianischen Serie „3%“, oder könnte es die gesamte Gesellschaft umfassen wie in „Star Trek“? Vor allem: Kann eine geldfreie Gesellschaft nicht bloss als Konstrukt in der Fantasie, sondern auch als Faktum in der Realität existieren?

 

#17.15

Mich beschäftigt die eng gefasste Struktur der Wissenschaft. Damit meine ich, dass Karrieren und Lebenswege in der Forschung sehr klar vorgeschrieben sind. Es gibt wenig Flexibilität und Raum um neues auszuprobieren. Und vielelicht gibt es diese Symptome nicht nur in der Wissenschaft, sondern in der Gesellschaft allgemein. Bei aller Individualitätpostulierung – sind wir nicht so unvielfältig wie eh und je? Als Gegengewicht dazu interessiert mich die Verspieltheit, das naive Experimentieren, das Ziellose. Was passiert im Spiel und was macht das Spiel möglich oder unmöglich?

 

#17.16

3                      abbuoti in Öl geröstete oder auf dem Grill zubereitete Eingeweide vom Milchlamm

7                      cappon magro ligurisches Gericht bestehend aus Schichten von Fisch und gekochtem Gemüse, in einer Sauce von Eiern, Petersilie, Brotkrumen, Essig, Knoblauch kapern, Oliven und Sardellen

3 + 7               ciceri e tria Pastagericht aus breiten, handgearbeiteten Tagliatelle und Kichererbsen, mit Peperoncino und Öl abgeschmekt

3 – 7                negativ

3 x 7                nervetti Bezeichnung für die gekochten Knorpel des Kniegelenks und der Hachse vom Kalb, fein geschnitten und mit Öl, Ziebeln und Petersilie angerichtet

3 / 7                 tiana/tianello (1) Dialektausdruck der südlichen Regionen für den Tontopf und im übertragenen Sinn auch für die Gerichte, die in ihm gekocht werden; (2) in Kalabrien Bezeichnung für gemischtes Fleisch vom Zicklein, klein geschnitten, gewürzt mit Zwiebeln und im Ofen mit Kartoffeln, Erbsen, geriebenen Käse, Pfeffer, gehackter Petersilie und Brotkrumen gegart

 

#17.17

„Die Zukunft ist schon da, sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Steht auf einer Postkarte an meinem Kühlschrank. Darunter Grüße aus dem Ausland, der Frischkäse drinnen ist von einer dünnen Schicht weißen Schimmels überzogen. Schon wieder. Was unsere Nachfahren mit ihren sich selbst wegschmeißenden Kühlschränken nicht alles verpassen werden an Wundern der Natur. Weißes Leben auf meinen Lebensmitteln.

Die Zukunft ist nicht sehr gleichmäßig verteilt und während mancherorts daran gearbeitet wird, unser Leben zu verbessern (länger, effektiver, weniger nerv), indem man das Web 3.0 programmiert, alles und jeden mit Sensoren und Sensörchen ausstattet, fliegt, schraubt, Nationalstaaten einfach überflüssig macht, kurz: die Technik walten lässt, fange ich mich an zu fragen, was nicht auch toll war, an all den kleinen Nervigkeiten, die da alsbald aus meinem Leben verschwinden: Einkaufen. Behördengänge. Schule. Facekook. Technik ist weder gut noch böse. Aber sie ist auch nicht neutral. Und was das heißt, weiß ich noch gar nicht so genau…

 

#17.18

in der neuen welt versuche ich die auseinandersetzung mit etwas, dass ich mir in der alten welt kaum erlaube: planlos geschehen lassen und schauen wohin es mich treibt. darin liegt der reiz.auf der burg will ich eintauchen in dinge, die sich mir anerbieten, um durchtaucht zu werden. es gibt kein bestimmtes etwas, das mich jetzt drängt, es in der zwischenrealität der neuen welt weiter zu verfolgen. alles wird sich irgendwie an mein sein anknüpfen. darum kann ich frei kommen und voll gehen.

 

#17.19

There is nothing, nothing on Urras that we Anarresti need! We left with empty hands, a hundred and seventy years ago, and we were right! We took nothing. Because there is nothing here but States and their weapons, the rich and their lies, and the poor and their misery. There is no way to act rightly, with a clear heart, on Urras. There a nothing you can do that profit does not enter into, and fear of loss, and a wish for power. You cannot say good morning without knowing which of you is `superior‘ to the other, or trying to prove it. You cannot act like a brother to other people, you must manipulate them, or command them, or obey them, or trick them. You cannot touch another person, yet they will not leave you alone. There is no freedom. It is a box — Unas is a box, a package, with all the beautiful wrapping of blue sky and meadows and forests and great cities. And you open the box, and what is inside it? A black cellar full of dust, and a dead man. A man whose hand was shot off because he held it out to others. I have been in Hell at last. Desar was right; it is Urras; Hell is Urras.”

For all his passion he spoke simply, with a kind of humility, and again the Ambassador from Terra watched him with a guarded yet sympathetic wonder, as if she had no idea how to take that simplicity.

“We are both aliens here, Shevek,” she said at last. “I from much farther away in space and time. Yet I begin to think that I am much less alien to Urras than you are…Let me tell you how this world seems to me. To me, and to an my fellow Terrans who have seen the planet, Urras: is the kindliest, most various, most beautiful of an the inhabited worlds. It is the world that comes as close as any could to Paradise.”

She looked at him calmly and keenly; he said nothing.

“I know it’s full of evils, full of human injustice, greed, folly, waste. But it is also full of good, of beauty, vitality, achievement. It is what a world should be! It is alive, tremendously alive — alive, despite all its evils, with hope. Is that not true?”

He nodded.

“Now, you man from a world I cannot even imagine, you who see my Paradise as Hell, will you ask what my world must be like?”

He was silent, watching her, his light eyes steady.

“My world, my Earth is a ruin. A planet spoiled by the human spedes. We multiplied and gobbled and fought until there was nothing left, and then we died. We controlled neither appetite nor violence; we did not adapt We destroyed ourselves. But we destroyed the world first. There are no forests left on my Earth. The air is grey, the sky is grey, it is always hot. It is habitable, it is still habitable, but not as this world is. This is a living world, a harmony. Mine is a discord. You Odonians chose a desert; we Terrans made a desert…We survive there, as you do. People are tough! There are nearly a half billion of us now. Once there were nine billion. You can see the old cities still everywhere. The bones and bricks go to dust, but the little pieces of plastic never do — they never adapt either. We failed as a species, as a social species. We are here now, dealing as equals with other human societies on other worlds, only because of the chanty of the Hainish. They came; they brought us help. They built ships and gave them to us, so we could leave our ruined world. They treat us gently, charitably, as the strong man treats the sick one. They are a very strange people, the Hainish; older than any of us; infinitely generous. They are altruists. They are moved by a guilt we don’t even understand, despite an our crimes. They are moved in all they do, I think, by the past. their endless past Well, we had saved what could be saved, and made a kind of life in the ruins, on Terra, in the only way it could be done: by total centralization. Total control over the use of every acre of land, every scrap of metal, every ounce of fuel. Total rationing, birth control, euthanasia, universal conscription into the labor force. The absolute regimentation of each life toward the goal of racial survival. We had achieved that much, when the Hainish came. They brought us …a little more hope. Not very much. We have outlived it…We can only look at this splendid world, this vital society, this Urras, this Paradise, from the outside. We are capable only of admiring it, and maybe envying it a little. Not very much.”

“Then Anarres, as you heard me speak of it — what would Anarres mean to you, Keng?”

Nothing. Nothing, Shevek. We forfeited our chance for Anarres centuries ago, before it ever came into being.”

She kicked out through the organic portal and I shrugged and followed.

There were catwalks, suspension bridges, sticktite stairways, balconies, and terraces out there – made of steel-hard plant fiber and winding around the pods, stalks, branches, and trunks like so much ivy. There was also air to breathe. It smelled of a forest after a rain.

[…] I looked around. „What powers it?“ I said. „Solar receptors?“

„Indirectly,“ said Aenea, finding us a sticktite bench and mat. There were no railings on this tiny, intricately woven balcony. The huge branch – at least thirty meters across – ended in a profusion of leaves above us and the latticework web of the trunks and branches ‚beneath‘ us convinced my inner ear that we were many kilometers up on a wall made of crisscrossed, green girders. I resisted the urge to throw myself down on the sticktite mat and cling for dear life. A radiant gossamer fluttered by, followed by some type of small bird with a v-shaped tail.

„Indirectly?“ I said, my mouth full as I took a huge bite of sandwich.

„The sunlight – for the most part – is converted to containment fields by ergs,“ continued my friend, sipping her beer and looking out at the seemingly infinite expanse of leaves above us, below us, to all sides of us, their green faces all turned toward the brilliant star. There was not enough air to give us a blue sky, but the containment field polarized the view toward the sun just enough to keep us from being blinded when we glanced that direction.

I almost spat my food out, managed to swallow instead, and said, „Ergs? As in Aldebaran energy binders? You were serious? Ergs like the one taken on the last Hyperion pilgrimage?“

„Yes,“ said Aenea. Her dark eyes were focused on me now.

„I thought they were extinct.“

„Nope,“ said Aenea.

I took a long drink from the beer bulb and shook my head. „I’m confused.“

„You have a right to be, my dear friend,“ Aenea said softly.

„This place…“ I made a weak gesture toward the wall of branches and leaves trailing away so much farther than a planetary horizon, the infinitely distant curve of green and black far above us. „It’s impossible,“ I said.

„Not quite,“ said Aenea. „The Templars and Ousters have been working on it – and others like it – for a thousand years.“

I began chewing again. The cheese and roast beef were delicious. „So this is where the thousands and millions of trees went when they abandoned God’s Grove during the Fall.“

„Some of them,“ said Aenea. „But the Templars had been working with the Ousters to develop orbital forest rings and biospheres long before that.“

I peered up. The distances made me dizzy. The sense of being on this small, leafy platform so many kilometers above nothing made me reel. Far below us and to our right, something that looked like a tiny, green sprig moved slowly between the latticed branches. I saw the film of energy field around it and realized that I was looking at one of the fabled Templar treeships, almost certainly kilometers long. „Is this finished then?“ I said. „A true Dyson sphere? A globe around a star?“

Aenea shook her head. „Far from it, although about twenty standard years ago, they made contact with all the primary trunk tendrils. Technically it’s a sphere, but most of it is comprised of holes at this point – some many millions of klicks across.“

„Fan-fucking-tastic,“ I said, realizing that I could have been more eloquent.

 

#17.20

Ich habe vor zwei Wochen mein Studium abgeschlossen, das ist die Bilanz: Zwanzig Jahre geordnetes und wohlbehütetes Abhängigkeitsverhältnis im pädagogischen Rahmen. Sieben volle Jahre herumdenken und politisch reden, in den Seminaren und dem Biertrinken dazwischen. Eine Utopie für sich genommen. Bekenntnisse hat es kaum gebraucht und Taten sind keine erfolgt. Ich merke, dass ich weniger wütend bin als am Anfang, dafür müde und auf listige Weise begnügsam. Und wären da nicht gewisse Dinge – die Bauchschmerzen, die meine vermeintlich politische Filterbubble mir bereitet – das Nachlassen ebenjener anfänglichen Wut – das Abfinden (nicht nur mit Zuständen, sondern mit kleinen Herausforderungen, die lediglich Simulationen echter Herausforderungen sind) – und dem unterschwelligen Misstrauen, ob ich das Leben auf der richtigen Spur führe –, wäre ich damit vielleicht ganz zufrieden.

Jetzt aber brauche ich diese Woche, denn ich will einen beschleunigten Kapitalismus an die Wand fahren, und aus dem neoliberalen Denken eine Ideologie schöpfen, die das Neoliberale übersteigt. Ich will ein Internet nach Facebook vorbereiten. Ich will das Sehnen andere Menschen betrachten und verstehen, was sie wollen. Ich will eine Jugendbewegung lostreten und mich, nach zwanzig Jahren, zu irgendwas bekennen.

 

#17.21

Wieviel Ego verträgt eine Gemeinschaft? Wieviel Homo verträgt der Hetero Sapiens? Wieviel wird geschenkt und wieviel gefordert?

Und sind am Ende meine leuchtgelben Faultier-Turnschuhe tatsächlich rot vom Sportplatzbelag?

 

#17.22

Seit zweieinhalb Wochen bin ich im Besitz eines Maturitätszeugnisses. Es ist blau. Ziemlich mager. Und auf eine erschreckende und zugleich enttäuschende Weise völlig unspektakulär. Mit diesem Ding soll ich nun also die Welt retten? Es beinhaltet nicht einmal genug Papier, damit ich mir eine Hütte bauen könnte, um mich darin vor der Welt zu verstecken. Die vernichtende Meinung der Öffentlichkeit über meine Generation lässt sich wie folgt zusammenfassen: 1. „Sogar der Papst findet die Jugend langweilig.“ 2. „Früher, in den 80ern, da haben wir noch rebelliert.“ Von meinem improvisierten, aber durchaus komfortablen Maturzeugnishüttenversteck aus kann ich nur resigniert ein Selfie machen und mich dabei ein bisschen schämen. Sollte ich nicht gerade in diesem Moment die utopiereichste Zeit meines Lebens verbringen und dabei nicht einmal merken, dass meine Träume Utopien sind? Aber ich sitze hier, versteckt und regungslos, eigentlich ja irgendwie schon bereit für eine neue Welt und werde doch erdrückt von einer gewaltigen Masse an alten, komplexen Problemen. Vielleicht ist die neue Welt nur ohne die alte möglich? Können wir nicht einfach die Vergangenheit löschen? Von Null beginnen? Alle Helden und Kriege vergessen? Eine Zukunft frei von Vergangenheit? Aber wäre das nicht ein Rückschritt? Wollen wir überhaupt einen Fortschritt? Und wenn ich grad dabei bin: Wieso befreien wir nicht die Dimension der Zeit von ihrer Wichtigkeit?

 

#17.23

Wir möchten eure Aufmerksamkeit auf uns lenken. Wir möchten euch, auf unsere Sätze hinweisen. Unsere Sätze sind schöne Sätze. Sätze mit Inhalt, mit Substanz, mit Schwingung und Relevanz. Unsere Sätze stehen wie eine Eiche im Wald. Nein, besser noch, unsere Sätze stehen wie ein einsamer Sequoiya Mammutbaum in einem deutschen Mischwald: strahlend und erhaben, die dahergelaufenen Bäume des herkömmlichen einheimischen Waldstückchens weit überragend. Solche Sätze pfelgen wir zu sagen. Jene Sätze, die ihresgleichen von weitem erkennen, weit über den grünen Wolken der Mischwaldbaumkronen. Grenzenlos. Die anderen werden sie schon hören. Auf den Plätzen und in den Strasse werden sie überall zu hören sein. Dort werden auch wir sein. Wir folgen unseren Sätzen. Unsere Sätze sprechen von uns. Wovon sollten wir denn sonst sprechen, als über das, was uns so sprechen lässt? Wir sprechen natürlich von uns. So natürlich wie unser Wald aus unseresgleichen wachsen wird, ja wachsen muss. So natürlich, wie wir den herkömmlichen, heimatlichen, heimtückischen Wald überragen müssen. Nicht aus Bosheit oder Niedertracht. Wir sind für uns und für andere. Da ist kein Vergleich. Wir vergelichen uns nicht, wir wachsen. Wir vergelichen uns nciht mit den Bäumen, die nichts sehen, die uns nicht sehen, die den Wald vor lauter ihresgleichen nicht sehen. Dieses wunderbare Wir. Wir kommen, wir sind da und wir sind nicht geneigt zu gehen. Noch nicht. Wir werden, irgendwann, wenn die Zeit reif dafür ist, gegangen sein. Noch ist es aber nicht soweit. Noch ist das leise Ticken der Uhr eine Quelle unserer Stärke. Ein ganzer Ozean aus Zeit können wir den unseren nenne. Einen ganzen Wanderrucksack voller Zeit haben wir mitgenommen. EInen Turnbeutel voller Zeit. Eine Hosentasche voller Zeit haben wir dabei…

 

 

 


1/3 Seiten der Teilnehmenden des Labors mit Utopieverdachte 2016

#16.1

Als verwöhnter europäischer Nachwuchs beschäftigt mich unsere Rolle in der Globalisierung.

Ich habe ein Problem damit, dass unser westlicher Wohlstand sich nicht nur historisch sondern auch jetzt zu einem grossen Anteil auf einer Ausbeutung anderer Weltregionen nährt. Beispielsweise der asymmetrische Freihandel, der afrikanischen Ländern aufgezwungen wird. Auch die mit unserer Macht verbundenen Privilegien stören mich. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil wir sie anderen selbstgerecht verweigern (z.B. Reisefreiheit). Zugleich wird uns von selbsternannten Realisten gedroht, dass wir die Ausbeutung und Vorenthaltung von Privilegien nicht einfach beenden können, da wir damit unsere Konkurrenzfähigkeit schwächen und das Feld “Mächten mit weniger Skrupel” überlassen würden. Dann ginge es uns in Europa scheisse und den Entwicklungsländern auch nicht besser.

Im Labor mit Utopieverdacht möchte ich diesem vorauseilendem Reaktionsmus ans Bein pinkeln.

Ich möchte ausgehend von Bestehendem neue Narrative dichten und konkreteln, was wir im kleinen und im grossen Tun können, ohne uns zu viele Beine ausreissen zu müssen. Lasst uns gemeinsam grosse Utopien träumen! Zur Stellung eines Europas in der Welt, das uns als junge EuropäerInnen nicht mit seiner Doppelmoral zerreisst.

 

#16.2

Ich bin in einem Wettbewerb, an dem ich nie teilnehmen wollte. Mit wem weiss ich nicht. Nur, dass die anderen ziemlich klasse sind und ich, wenn ich kurz anhalte, um die Aussicht zu geniessen, schon den Anschluss verloren habe.

Ich soll möglichst schnell die Uni abschliessen. Ins Ausland soll ich und möglichst viele Praktika machen. Sonst hätte ich keine Chance und schlimmes drohe. Vor allem Sorgen, Geldprobleme und Unglück. Dabei bin ich doch schon voll Sorgen (Wie schaff ich all das Sollen nur?), habe wenig Geld (unbezahlte Praktika!) und bin unglücklich (Fernbeziehung wegen dem Auslandssemester).

Die ganze Welt spricht vom technologischen Wandel. Davon, dass jetzt alles anders wird. Diesmal aber wirklich. Ja dann los! Lasst uns alles anders machen.

Ich glaube der technologische Wandel und die folgenden Umbrüche, machen viele Utopien möglich. Wenn Roboter für uns arbeiten, klappt das auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Wenn die Grenzkosten sinken, klappt das auch mit der Gleichverteilung. Wenn wir Fleisch direkt züchten können, klappt das auch mit dem Vegetarismus. Aber wem gehören eigentlich die Roboter? Wollen die dort im Silicon Valley das, was ich will?

Ich möchte über eine Gesellschaft nachdenken, in der es Platz für Umwege und Brüche gibt. Eine Gesellschaft, in der nicht nur die mit der geraden Linie von A nach B einen Platz finden, sondern auch all jene, die einen Umweg über L und Q gemacht haben.

Ich möchte jemanden bewundern können, für das was er leistet und nicht denken müssen: Mist, ich muss mich mehr anstrengen, er leistet mehr als ich.

Ich möchte über einen Wettbewerb des füreinander, nicht gegeneinander, nachdenken.

 

#16.3

Wollen wir nicht alle anders sein, alle alles anders machen und dafür berühmt werden, irgendwann, auch erst viel später und sei es posthum? Ja, das wollen wir. Eigentlich muss die Neue Welt ja besser sein als das, was wir sehen und kennen, denn das kann es einfach nicht sein. Wir sehen Probleme. Probleme wollen wir vernichten. Deshalb: Alles neu. Auch die Welt.

Am ‚Labor mit Utopieverdacht 2016‘ würde ich gerne eine Woche lang wild einer Utopie folgen. Ich würde mit meinem Clan, den ich gleich in den Anfängen der Reise selektiere (aus tapferen, talentierten und schlauen Mitstreitern), den Reissaus aus der Burg machen und im Wald leben, wenn es das braucht, um dort die wirklich wichtigen Dinge zu tun und zu sagen. Das Handy würde ich in der Burg lassen, für alle Fälle, falls mich wer erreichen möchte. Ich würde ein Tier töten und es nicht essen. Bestimmt nicht umgekehrt. Ich würde in der Burg immer erscheinen, wenn keiner darum bittet und nie, wenn ich da sein sollte. Ich würde mit meinem Clan eine Woche lang eine andere Sprache entwickeln, aus deutschen Wörtern, so wie wir es im LitUp! gelernt haben. Wir würden uns prächtig verstehen und würden am Ende der Woche eine Welt neu geschaffen haben, die wir dann niemanden zeigen. Aber: Wir würden sie zeichnen, auf Felsen im Wald, für die Nachwelt. Und wir würden sie in uns mittragen, von dann an, für unsere künftigen Machenschaften, für unseren Ruhm posthum.

 

#16.4

INITIATIVEN GEGEN UNSEREN ZYNISMUS.

Ich mache verschiedene Beobachtungen.

Ich hab Sehnsucht. Ich merke, dass viele Menschen das um mich herum auch haben, wenn man sie direkt darauf anspricht. Ich glaube, die Sehnsucht nach eine besseren Welt bleibt bei vielen unausgesprochen.

Ich habe auch das Gefühl, in der intellektuellen Mittelschicht hat sich ein Zynismus ausgebreitet, der jeden Versuch einer besseren Welt unter Generalverdacht stellt, naiv zu sein oder doch hinterhältige Absichten mit einer guten Tat verfolgt. Wir wurden erzogen misstrauisch zu sein, nicht gutgläubig. Das ist etwas negatives, genau so wie „Weltverbesserer“. Wie können wir dieses Wertesystem umdrehen?

Wie irgendwie klar ist, leben wir in einem unfassbar versorgten Land (ich spreche jetzt für die meisten Teile der dt. Bevölkerung). Materiell ist alles da. Und sogar auch die moralischen Werte, die wir gut finden, kennen wir schon. Wir sind bloß zu bequem, oder haben Angst, oder keine Hoffnung, sie umzusetzen. Ich begreife es als meine Aufgabe, jung und bewusst naiv etwas gegen den Pessimismus zu tun, der mir, und ich glaube, nicht nur mir, beigebracht wurde. Der Pessimismus der Älteren, die auf dem Weg nach Enttäuschungen, die es zwangsläufig gibt im Leben, ihre Hoffnung verloren haben. Auch nachvollziehbar, aber überhaupt nicht zwingend notwendig.

Wir sollten dagegen an arbeiten. Indem wir uns neue Geschichten erzählen: Geschichten von Vertrauen statt Angst, von probieren und wissen, dass das ein Weg ist, von Offenheit statt Abgeklärtheit. Auch wenn die Welt noch nicht so sehr so ist, wird es uns verändern, wenn wir uns anders von ihr erzählen.

In der Woche möchte ich konkret werden und kleine Initiativen entwickeln (z.B. In Richtung Street Art / Aktionen im öffentlichen Raum). Um etwas zu ändern, hilft es so sehr, sich zusammenzuschließen. Zusammen hat man mehr Ideen und Energien. Deshalb diese Woche. Auch, um zu merken, dass man nicht alleine probiert. Wir müssen unsere Unbedarftheit und Offenheit nutzen. Jetzt ist sie wohl am stärksten. Also mal raus.

 

#16.5

Mich beschäftigen zwei Themen: Sprache und wie Grenzen durch sie reproduziert werden einerseits, und Essen als verbindendes Element andererseits. Ich würde in der Neuen Welt gerne Sprache anders denken lernen und andere Formen der Kommunikation ausprobieren. Zudem würde ich gerne meine Essensphilosophie auftischen.

Jedes Wort ermöglicht etwas zum Ausdruck zu bringen. Das geht, weil es definiert wurde und wir uns eine gemeinsame Auslegung angeeignet haben. Definieren heisst aber auch differenzieren, abgrenzen, Unterschiede festschreiben. Mit der Sprache wird etwas benannt, während etwas anderes ausgeschlossen wird. Dinge und Menschen werden von einander getrennt, nach Attributen kategorisiert und je nach Kontext unterschiedlich gewichtet. Die Welt ist in Teilbereiche gespalten. Der Mensch ist geteilt. Und die Fraktale der Differenzierungen sind in weitere Untergruppen gespalten. Statt von Verbindungen geht Sprache vom Anderssein aus.

Ich will von Relationen ausgehen. Eine Möglichkeit dies zu tun bietet sich mir im Kochen. Essen verbindet. Wir setzten uns gemeinsam an einen Tisch. Dabei nehmen wir weit mehr zu uns als Nährstoffe. Gefühle werden ausgetauscht. Wir verdauen uns gegenseitig. Essen ermöglicht auch die Grenzen zwischen uns und den anderen anders zu verinnerlichen. Nahrungsmittel (-handel) durchziehen die Welt wie Adern. Je nachdem wie und was wir konsumieren fördern wir Arteriosklerose – individuell und weltweit. Indem ich damit spiele, was wie zubereitet wird, verbinde ich soziale, ökonomische, ökologische und politische Bereiche. So sehr, dass die Unterteilung in diese Kategorien jenseits vom Analytischen nichtig wird. Die Bereiche sind Organe, die ohne einander nicht können. Mensch isst Welt ist Essen.

 

#16.6

Warum gehe ich in die Neue Welt…

Veränderung ist immer auch bedrohlich. Der bekannte Ist-Zustand soll aufgegeben werden und Neues, Ungewisses, Unbekanntes wird es ersetzen. Wieso sollten wir das tun? Der Ist-Zustand ist doch ganz gut so wie er ist. Nicht wahr? Naja, gewisse Abstriche hier und da und man kann ganz gut mit dem Ist-Zustand klar kommen und sein Leben fristen. Einen guten Job haben, am Abend mit seinem Partner TV-schauen und am Wochenende gibt es dann das lang ersehnte Spa-Weekend im Seehotel-Adler.

Für die einen mag das reichen…Nicht für die Leute, die auf Neue Welten hoffen und daraufhin arbeiten. Seien diese Neuen Welten nun im persönlichen oder gesellschaftlichen zu suchen. Auf der Burg Rothenfels treffen sich Menschen, die vor allem eines teilen: den Glauben an Entwicklung. Die persönliche Entwicklung des Menschen und die strukturelle Entwicklung der Gesellschaft gehen Hand in Hand und sind die antreibenden Bestrebungen der dynamischen Gruppe, die sich jährlich auf Rothenfels trifft. Zusammen den Mut finden Neues und Ungewisses anzustreben, den Schritt wagen und etwas ausprobieren und ganz tief in sich die Gewissheit haben, dass es Sinn hat, egal wie es ausgeht, das ist die Neue Welt. Denn nur wenn wir die beste aller Welten anstreben, geben wir unserer Welt die Möglichkeit, die Welt zu werden, zu der sie im Grunde fähig wäre.

 

#16.7

Ich finde, die meisten Menschen in unserer Gegend haben sehr viel. Und trotzdem, so scheint mir, sind viel zu viele meiner Mitmenschen sehr stark auf das fokussiert was sie nicht haben, vor allem im Vergleich zu Anderen. Was diverse Probleme nach sich zieht: Sie wollen mehr haben. Sie können sich kaum an dem erfreuen, was sie haben. Sie beschäftigen sich mehr mit Dingen als mit sich selber oder Anderen.

Ich denke, die Meisten sind glücklicher, wenn sie zufrieden sein können mit dem was sie haben. Wenn sie dankbar sein können, für das was sie haben. Wenn sie ihre Zeit und Energie verwenden, sich mit anderen Menschen oder mit sich selber zu beschäftigen, anstatt mit Dingen. Ich denke auch, dass zufriedene, dankbare und soziale Menschen fast automatisch eine bessere Zukunft schaffen als gierige, undankbare und asoziale.

Allerdings weiss ich nicht, wie ich Leute von ihrem Nicht-Haben-Fokus abbringen kann, ist dieser doch bei uns historisch und kulturell sehr stark verwurzelt. Meine Argumente und Ausführungen stossen daher meist auf taube Ohren. Im Labor möchte ich Wege (er)finden, mit welchen man Leute überzeugen kann, ihre Gedanken mehr darauf zu richten, was sie haben, als das, was sie nicht haben, und ihr Leben nicht so stark von Gier, Konsum und Dingen beherrschen zu lassen.

 

#16.8

Wie kann ich mich im Sinne einer weniger schmerzhaften Realität am sinnvollsten einsetzen? Wo richte ich mit meinem Kopf und mein Körper eine bewohnenswerte Gegenwart ein? Welcher Zweck vertreibt mich aus dem Egozentrismus und schafft mir die Möglichkeit in der Selbsthingabe Erfolge zu gestalten, die endlich mein Ego salben?

Die Unfähigkeit zur aktiv gestaltenden Teilhabe – wenn sie aus der überkritischen, mäkeligen Geistesverfassung eines Kindes entsteht, dass keine Eissorte auswählen kann, und sie folglich alle für ekelhaft erklärt – ist ein verbreitetes Phänomen in verhangenen Schlafzimmern Europas. Diese selbstgefällige Lähmung in der Form eines letztlich systemerhaltenden „kritischen Geistes“ gehört zerschlagen, verbrannt, gefressen und verjagt. Doch mit welcher Begründung? Ich will doch nur kluge Extremistin werden! Und gelegentlich verliebt sein.

Ich sollte jemanden finden, der mich nach Disneyland einlädt. Ich würde Zuckerwatte essen, bis ich kotze.

 

#16.9

Wenn ich mir versuche vorzustellen wie mein alltägliches Leben in einer Utopie aussehen könnte, stellt sich mir oft die Frage: Wie würden meine schlechten Tage in einer Utopie verlaufen? Gefühle wie Eifersucht, Wut, Lustlosigkeit, Angst vor Unbekanntem oder auch nur die Gereiztheit am Morgen passen nicht so richtig in mein Bild von einer neuen Welt. Diese Gefühle bewirken, dass wir uns „schlecht“ fühlen oder sogar uns selbst oder anderen schaden.

Wir könnten diese Gefühle natürlich einfach abschaffen. Wir kennen bereits Mittel und Wege um das zu erreichen, wie Medikamente, gesellschaftlichen Druck oder psychologische Eingriffe. Sollten wir sie allerdings anwenden, ist schon nicht mehr klar ob wir noch über eine Utopie sprechen. Als Alternative zur Unterdrückung der Gefühle würde ich die Flucht nach vorne wagen und alles was sich schlecht anfühlt bewusst als Teil eines besseren Lebens sehen. Dann würde mein Ich von morgen selbstbestimmt mit ihnen umgehen und sie als normale Reaktionen unseres Geistes wahrnehmen. Wie man das tut und was für eine Welt daraus entsteht weiß ich noch nicht, aber ich würde es gerne herausfinden.

 

#16.10

Conversation Menu

“The Consequences of a Functioning Brain Simulation”

Technology allows humans to virtually simulate a great number of natural events and processes. A major contemporary scientific challenge in this domain consists in simulating the functioning of the entire human brain. This raises a number of technical and philosophical questions:

  1. What does it mean to simulate the brain? Is it enough to only consider mathematical models and the biophysics of the neurons, or do we have to understand the brain as a network?
  2. Is it even possible to simulate a brain? What do we have to simulate and why have major projects like the Human Brain Project not yet succeeded in doing so?
  3. What would be the practical utility of such a simulation?
  4. First there was Stephen Hawking, then Elon Musk, and most recently Bill Gates. All of these smart people have suggested that artificial intelligence is something to be watched carefully, lest it develops to a point of existential threat. Is a computer simulation of the brain dangerous?
  5. Could a brain simulation be sufficient to trigger all those properties that are instantiated in human brains, including phenomenally conscious properties of feelings, emotions, and so on?
  6. What are the ethical implications linked to such an enterprise and its potential success?

 

#16.11

Ich arbeite in einem Bereich, der ausschliesslich darauf ausgerichtet ist menschen zu mehr Konsum anzuhalten. ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen und habe meine Beschäftigung in der Werbebranche spasshaft, als späte Rache am regime betitelt. mittlerweile bleibt mir der Witz im hals stecken.

die Modeindustrie ist nach der Ölindustrie die zweit dreckigste der welt und ich verbringe meine berufliche zeit damit, menschen vorzumachen sie bräuchten noch mehr davon und immer neues.

am ende ist das Kernproblem jedoch nicht die mode, sondern der Kapitalismus, der von uns mehr Wachstum und mehr Konsum verlangt. so muss für immer weniger lohn und material, immer mehr gewinn erzielt werden, damit die Aktionäre sich freuen. das macht dreck und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen, nicht nur in der mode.

mittlerweile sind so viele Informationen von jedem von uns im umlauf, Marketingstrategien werden uns auf den Leib geschneidert, Informationen immer effizienter ausgewertet und ausgenutzt. wissen wir denn eigentlich noch was wir wirklich brauchen und was nicht?

ich denke der bogen ist schon überspannt, das fass wird überlaufen. stetiger Wachstum auf kosten vieler, zum nutzen weniger kann nicht, darf nicht die Zukunft sein. ich möchte darüber nachdenken, wie eine postkapitalistische Gesellschaft aussehen soll.

ich möchte der Gesellschaft das, was in meinen Möglichkeiten liegt, geben um sie in eine bessere, gerechtere, gleichberechtigtere, friedlichere und glücklichere Zukunft zu lenken. ich suche in der neuen welt gleichgesinnte, Mitdenker, Mitfühler, Mitlenker.

ausserhalb der Alltagsmühle, in der die wirklich wichtigen fragen so selten platz finden.

 

#16.12

Ideale. Mich beschäftigt die Diskrepanz zwischen dem, was ich ideal finde und dem, was ich real tue. Und mit ich meine ich man. Nicht im Sinne einer Selbstbestätigungsgruppe, sondern im Sinne einer Grundsatzdiskussion: Was hält mich davon ab, ein Ideal auszuleben? Muss die Diskrepanz zwischen Idealem und Realem ausgehalten werden? Soll sie zu überwinden versucht werden? Ist es eine Frage des Willens? Wieso haben wir überhaupt und woher kommen denn Idealvorstellungen? Von unseren Gymnasiallehrern, von unseren Eltern, von imponierenden Gleichaltrigen, von Literaten und Künstlern oder gar aus der puren eigenen Reflexion heraus? Soll man Ideale gewichten und von allen ein bisschen ausleben? Oder besser einem Ideal besonders intensiv nachgehen? Oder ist das alles viel zu verkrampft und soll ich nicht lieber eine Grillparty veranstalten? Ich erhoffe mir Diskussionen möglichst ohne Gemeinplätze und Selbstdarstellungdrang der Diskutierenden. Eine Woche Freiraum ohne ablenkende Routine des Alltags – ich freue mich, eine Schicht tiefgründiger zu diskutieren.

 

#16.13

Es gibt schon viele Utopien. Aber viele davon, selbst die der europäischen Linke, sind keine Utopien der Zukunft: Die «Neue Welt» verspricht, dass die Utopie nicht hinter und nicht um uns liegt, sondern vor uns. Dass das Problem des Kolonialismus nicht nur Afrika, sondern auch Europa betrifft (ja, ich meine den Jupitermond). Dass es in Zukunft vielleicht wichtiger sein wird, interessant, als glücklich zu werden und dass wir keine glückliche Gesellschaft suchen. Dass wir Schönheiten im Schlimmsten entdecken, Kriege berechnen statt führen, dass wir vielleicht endlich keine Liebe mehr brauchen.

Ich betrete die Neue Welt als bürokratischer Mitschreiber. Einige der Ideen werde ich schriftlich festhalten, aber hoffentlich mit gelockerten Handballen, so dass sie sich daraus entwinden könnnen: Utopische Geschichten entwickeln ihre Abgründe aus sich selber, aber auch ungeahnte Möglichkeiten; sie sind zynischer mit dem eigenen Entwurf, als jede analytische Kritik sein könnte, aber sie können auch die Stimmung enthalten, die einer Idee zugrundeliegt und diese so schön machen: und schöne Ideen machen meine Gegenwart zur neuen Welt.

Ich weiss nicht, ob ich die Welt verändern will (weil ich (noch) nicht weiss, was sie ist), aber ich liebe den Versuch davon.

 

#16.14

Die Welt

Sie scheint

unverkennbar unerreichbar.

In ihr isst man, trinkt und erzeugt

gebärt

erschafft und tötet

gibt, nimmt und liebt

verschmutzt, reinigt und zerstört,

alles zusammen.

Die Welt

Sie ist,

weil sie gemacht wird

und muss

neu erschaffen

stetig

man kann, wenn man will

vieles und alles

oder nichts.

Wie eine Töpfermaschine

Dreht sich die Kugel stetig

Lässt sich vom Former, Töpfermeister

Auch er probiert, scheitert, erschafft von neuem.

Die Welt sie ist

Da

Hier

Und dort.

Nah und fern.

Die neue Welt

sie schreit

erschaffen zu werden.

Gedicht zur Neuen Welt, 26.4.2016.

 

#16.15

Seit ich als junger Arzt nach 15 Stunden Arbeitstag nach Hause komme, füllen meine relevanten Gedanken kaum 1/3 Seite mehr. Ich verbringe den Tag grösstenteils damit, meine Pflichten zu erledigen, in der Arbeit und auch in der Freizeit. Ich war ein engagierter Mensch. Momentan funktioniere ich nur noch, ohne die Energie nach links und rechts zu schauen. Ich habe den Eindruck, dass ich damit nicht alleine bin.

Ein Schritt führt zum nächsten. Eine logische Abfolge von Entscheidungen im Leben, die für sich betrachtet in der jeweiligen Situation vernünftig und richtig sind. Von Weitem gesehen, scheinen sie einen aber in ihrer Gesamtheit auch an Orte zu bringen, die man sich von Anfang an nicht ausgesucht hätte. Oft entgeht uns das jedoch, da uns die Zeit fehlt darüber nachzudenken.

Ich möchte den von «Utopieverdacht» gewährten Raum und die Zeit nutzen, um gerade über fehlende «Raum und Zeit zum Reflektieren» nachdenken und mich austauschen.

 

#16.16

Neue Welt!

Im Manifest von Ventotene, das als Grundlage für die europäische Integration diente, schrieben die beiden Anarchisten Ernesto Rossi und Altiero Spinelli 1941: „ Die erste Aufgabe, die angepackt werden muss und ohne deren Lösung jeglicher Fortschritt auf dem Papier bleibt, ist die endgültige Beseitigung der Grenzen, die Europa in souveräne Staaten aufteilen.“

Der Zonenausschuss der CDU für die britische Zone erließ in seiner Tagung im Februar 1947 in Ahlen folgende Erklärung: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr als das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.“

Die vom Club of Rome 1972 in Auftrag gegebene Studie The Limits to Growth hat folgende Schlussfolgerung: “Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Und Hans-Jürgen Krahl, ein Theoretiker der antiautoritären Bewegung, fragt auf einem teach-in 1969: „Wenn sich heute Herrschaft und Unterdrückung nicht mehr auf der Basis materiellen Elends und physischer Unterdrückung konstituieren, wie hat er dann – und daraus sind doch dann wahrscheinlich Strategien-Kategorien abzuleiten -, wie hat sich dann die Herrschaftssituation in den hochzivilisierten und hochindustrialisierten Ländern gewandelt?“

(Und was, wenn die Welt gar nicht neu ist?)

 

#16.17

Morgens blicke ich in die noch verschlafenen und doch bereits gestressten Gesichter meiner Mitpendler; mit einem Fuss sind alle noch im Bett, mit dem anderen bereits im Sitzungszimmer, die eine Hand hält den Coffee-to-go, die andere scrollt durch die aktuellsten (Schreckens-)Nachrichten. Abends nach X Überstunden dasselbe Bild, noch kaum von der Baustelle weg schon halb beim Abendessen und während diesem bereits gedanklich in der Oper. Am Wochenende seesternmässig aufm Bett liegend Serien schauen und langsam in einen unruhigen Schlaf abdriften, Montags muss ich ja fit sein.

Und irgendwann frage ich mich wo denn all die Stunden und Tage geblieben sind, die Momente des Innehaltens und Nachdenkens, die Musse mich einer Frage völlig hinzugeben. Wieso hat jeder Verständnis wenn ich wegen einem Burnout für zwei Monate in einer Klinik lande, aber wenn ich mich für zwei Tage zurückziehe um eine neue Perspektive auf ein Projekt zu gewinnen ernte ich bloss schiefe Blicke?

Wären wir nicht alle viel glücklicher und leistungsfähiger wernn wir uns einmal NICHT über unsere Leistung definierten? Einmal NICHT über andere urteilten? Einmal NICHT täten was andere und wir von uns stillschweigend erwarteten?

Was wäre wenn wieder jemand genug Atem hätte, die wirklich existenziellen Fragen zu stellen…?

#16.18

Mir geht es darum, Begriffe wie „Gemeinschaft“ und „Familie“, frisch unter den aktuell herrschenden globalen ökologischen ökonomischen Anforderungen zu beleuchten und neue Konzepte zu spinnen.

Wie können wir Kinder haben? Wer ist für sie verantwortlich? Wie können wir uns Geld, Erziehungsarbeit, Kochen, Liebe, Putzen, teilen? Wie hätten wirs denn am Liebsten? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, in einem System leben, das uns Sicherheit und Halt gibt, und gleichzeitig Raum für individuelle Entfaltung, Spontaneität, Blödsinn?

Auf Mikroebene, bis staatlicher Ebene bis globale Ebene.

 

#16.19

Grenzen und Grenzverschiebung: ein kontinuierliches Projekt

Sprachgrenzen, topographische Grenzen, klimatische Grenzen, Landesgrenzen, Gemeindegrenzen, funktionale Grenzen (z.B. S-Bahnnetz): unsere physische Umwelt und Weltanschauung ist von Grenzen in verschiedenen Massstäben geprägt. Grenzen geben uns Identität, bilden einen Möglichkeitsraum ab und umschreiben oftmals auch eine Schutzzone.

Inwiefern müssen wir diese Grenzen im Zeitalter von instant Messaging, uneingeschränkter Mobilität und globalen Märkte überdenken? Sind beispielsweise Nationalstaatsgrenzen ein obsoletes Hindernis aus dem 19. Jahrhundert oder erst Bedingung, dass sich unsere Gesellschaft mit ihren Werten und Errungenschaft – überhaupt eine Zivilisation – herausbilden konnte? Wie gehen wir verantwortungsvoll mit diesem Erbe um? Müssen sich diese Grenzen in Zeiten der Wirtschafts- und Flüchtlingskrise verstärkt oder aufgelöst werden, muss es eine Massstabsverschiebung zu mehr Zentralisierung oder extremen Dezentralisierung geben? Wie könnte eine neue (utopische?) Ordnung aussehen?

Meine These ist, dass die Festlegung von Grenzen ein nie abgeschlossener Prozess darstellt, der historisch mal mehr, mal weniger dynamisch verlief. Heute ist wieder eine Dynamik eingetreten, dessen Potenzial und Gefahren wir an der Neuen Welt andenken könnten.

 

#16.20

Ich mag es, Träumer mit der Realität zu konfrontieren und Realisten zum Träumen zu bringen. Ich bin der erste und lauteste Kritiker von nicht umsetzbaren Vorschlägen und bemängle die fehlende Vorstellungskraft aller langweiligen Realisten. Ich liebe es, zukunftsvernarrten Strebern vorzuhalten, dass sie vor lauter Planung das Leben verpassen und mache mich lauthals über chronische Partygänger lustig, welchen die Zukunft vor den Augen in Rauch aufgeht. Vor allem aber verabscheue ich jede Art von Inkonsistenz und Heuchelei. Ich freue mich auf fünf Tage gute Diskussionen zu spannenden Themen.

Meine brennendsten Fragen drehen sich um Globalisierung und Entwicklung (sozial und ökologisch):

Soziale vs ökologische Entwicklung: Stehen soziale Entwicklung in unterentwickelten Regionen der Welt mit den Klimazielen im Konflikt (Stichwort Bevölkerungswachstum)? De-Growth, De-Globalisierung und das Ende einer vernetzten Welt: Führt eine Regionalisierung der Wirtschaft und ein Rückgang der Globalisierung, so wie es von Vertretern von De-Growth (Postwachstum) und Umweltaktivisten verlangt wird, zu einer Verlangsamung der Entwicklung im globalen Süden (ausbleiben von FDI und Importen)?

Gescheiterte oder Vergessene Friedensprojekte: Nach den Weltkriegen wurden UNO und EU ins Leben gerufen, um die Regionen der Welt so schnell wie möglich so grundsätzlich voneinander abhängig zu machen, dass das gegenseitige bekriegen nicht mehr möglich ist. Heute schreien wir nach einer Reduktion der gegenseitigen Abhängigkeiten. Sind diese Strategien zur Erhaltung des globalen Friedens gescheitert oder haben wir nur den wahren Grund für die Existenz dieser Organisationen und der institutionellen Forcierung der Globalisierung vergessen?

 

#16.21 

In meiner neuen Welt gehen Menschen respektvoller mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen um. Besonders beschäftigen mich dabei einerseits die Unmengen an Konsumgütern, die gekauft und oft bald darauf wieder entsorgt werden, und andererseits die Tierlandwirtschaft.

Bei den Konsumgütern sehe ich die Problematik vor allem beim Plastik, der heute überall verwendet wird und oft nach einmaligem Gebrauch weggeworfen wird. Er ist nicht abbaubar und gelangt in vielen Fällen im Meer, wo er in Mikropartikel zerfällt und unter anderem von Fischen aufgenommen wird, die daran vergiften und sterben können. Wir haben uns so an Plastik gewöhnt, dass es für viele von uns unvorstellbar ist, beispielsweise eine Tasche zum Einkauf mitzunehmen oder eine wiederverwendbare Flasche mit sich zu tragen. Ich fände es spannend darüber zu diskutieren, wie man Anreize schaffen kann, damit weniger Einweg-Produkte gekauft werden und allgemein weniger konsumiert wird.

Was die Tierlandwirtschaft anbelangt ist es meines Erachtens enorm wichtig, dass der Konsum von tierischen Produkten deutlich gesenkt wird, aus Gründen des Umweltschutzes, der Ethik sowie unserer eigenen Gesundheit. Gerade heute, wo man seinen Appetit vielerorts einfach und schmackhaft mit pflanzlichen Lebensmitteln sättigen kann, sehe ich es auch als eine einfache Möglichkeit, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, wenn man es beispielsweise damit vergleicht, dass wir uns im Reisen einschränken müssten. Hinzu kommt, dass gemäss der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) die Tierlandwirtschaft mehr Treibhausgasemissionen verursacht als der ganze Transportsektor zusammen. Auch hier stellt sich für mich dir Frage, wie man Anreize schaffen kann, um das Konsumverhalten von Menschen zu ändern.

 

#16.22

« … Ein schwuler Klub ist nicht einfach nur ein Platz, an dem sich junge Männer zum Trinken und Tanzen treffen. Es ist ein Schutzraum. Eine Nacht im Klub gehört zu den wenigen Momenten im Leben eines Schwulen, in denen er nicht allein ist, nicht belächelt oder misstrauisch beäugt wird und wo er völlig angstfrei sein kann. … »

Diese Zeilen las ich in einem Artikel zu den Attentaten in Orlando. Tränen stiegen mir in die Augen, weil mir klar wurde, dass ich – super privilegierter weisser Mensch mit männlichem Körper und einem Schweizer Pass, in der Schweiz lebend auch angewiesen bin auf solche Schutzräume. Menschen, welche mit mir in meiner Züri-Bubble leben, können es sich vielleicht kaum vorstellen. Doch auch hier ist homosexuell sein immer immer immer ein anders sein.

Ganz ehrlich gesagt – ich befürchte, dass diese Schutzräume wieder wichtiger werden, für LGBTIQ-Menschen und für alle, die aus einer normierten Reihe tanzen. Dies nicht nur wegen homophoben Ideologien und ähnlichem Wahnsinn, sondern weil die Welt wieder schwarz weiss begriffen wird – sortiert in richtig oder falsch. Doch glaube ich an die Utopie, in der wir alle in den Schutzräumen sind und keiner mehr draussen steht, vor dem man sich schützen muss. Doch wie kommen wir da hin?

Hintern den Mauern der Burg, geschützt vor den Überforderungen des Alltags, gefordert von einer neugierigen Gemeinschaft, lass ich mich fallen – in eine Suche mit offenem Ausgang.

Ich sammle Fakten und versuche das Ist zu begreifen. Erst wenn klar ist, was das Ist ist, kann der Weg zum Soll gefunden werden. Dazu suche ich in den Schweizer Gesetzen, wo ich als homosexueller Mann geschützt bin, wo ich diskriminiert werde, wühle mich durch Fakten und Statistiken, reflektiere meine Erfahrungen, lese Artikel, durchsuche das Internet, rede mit Menschen, schreibe Texte. Stets ausgehend von meinem Verlangen nach solchen Schutzräumen. Ich versuche zu verstehen, was in der «offenen, toleranten» Gesellschaft in der ich lebe, die Situation für mich so macht, wie sie ist.

Was immer ich erkenne oder auch nicht, will ich dann irgendwie zum Ausdruck bringen.

 

#16.23

Mich stressen die Bilder von Kindern auf Booten auf dem Mittelmeer. Manchmal fange ich im Zug an zu heulen, wenn ich so ein Bild sehe beim durchscrollen meiner Timeline. Und dann schäme ich mich dafür.

Mich stresst es, dass viele Flüchtlinge jahrelang warten müssen, bis sie ihre Familien nachziehen dürfen, wie das auch Behördendeutsch heisst. Sie müssen jahrelang aushalten, ihre Kinder nicht aufwachsen zu sehen, nicht so für sie sorgen zu dürfen, wie sie es gerne tun würden, und da sprechen wir noch gar nicht darüber, was ihre Kinder aushalten müssen. Regelmässig klagt irgendwo jemand darüber, dass Kinderkrippen schädlich sind, weil Kinder doch ihre Mama brauchen, und gleichzeitig lassen wir es als Gesellschaft zu, dass Tausende von Kindern jahrelang von ihren Familie getrennt sind.

Mich stresst das wirklich, aber ich tue nicht viel dagegen, und das stresst mich auch.

Ich denke, wir müssen die neue Welt global denken. Ich will nicht weg von der Globalisierung, denn diese bedeutet (neben vielem anderem) ja auch, dass wir uns alle weltweit gegenseitig wahrnehmen. Ich will mehr Globalisierung. Einfach anders, oder viel mehr: besser.

Und gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir lokal handeln müssen. Dass wir dort anfangen sollen, wo wir nicht viel tun. Nicht viel im Gegensatz zu nichts, nicht im Vergleich dazu, was wir tun könnten, wären wir Königin der Welt. Ich freu mich auf all die Leute auf der Burg, die mit diesem Treffen wahrscheinlich fast nichts bewirken. Aber immerhin mehr als nichts.

p.s. Ausserdem interessiert mich: Wie wir anders zusammenleben können als in diesen allseits beliebten Zweierkisten, und zwar auch dann, wenn Kinder dazukommen. Und: Wie sehen in der Neuen Welt die Medien aus? Über was wird in einer Neuen Welt von wem berichtet, und warum?

 

#16.24 

Die Veränderungen in meinem Leben waren bisher sehr viel grösser als die in der Generation meiner Eltern oder der meiner Großeltern. Ich habe den Eindruck der technische Fortschritt und damit auch die Globalisierung wird sich in den nächsten Jahren noch weiter beschleunigen, wir Menschen entwickeln uns jedoch evolutionsbedingt sehr viel langsamer.

Wie werden wir in Zukunft mit diesen Entwicklungen umgehen, die im Moment dazu führen, daß sich die Kluft zwischen arm und reich ständig vergrössert, die Menschen (in den entwickelten Ländern) zunehmend Populisten folgen, die eher darauf bedacht sind das Rad der Zeit zurückzudrehen, sich abzugrenzen und das Elend der Menschen im Rest der Welt zu ignorieren?

Wie können wir eine Welt schaffen, in der Ausgleich und Chancengleichheit nicht nur im eigenen Land, sondern auch über die Grenzen hinaus gilt?

 

#16.25

Welches Verständniss von Freiheit, demokratischer Mitbestimmung und Partizipation hat unsere Generation? Wie hat sich dieses verändert und wie beeinflusst es unser Handeln? Welche Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit werden gezogen, zwischen Geheimen und allgemein Zugänglichem?

„[…] Es ist eine Politik, die Undurchsichtigkeit zur wichtigsten Grundlage der Erhaltung und Erweiterung von Macht empfiehlt und als Techniken diese Undurchsichtigkeit Verstellung, List, Warten, Schweigen, Affektkontrolle und kluges Taktieren angibt. Das Staatsgeheimbnis ist kein spezifisches Geheimnis, sondern, wie Carl Schmitt es ausdrückt, eine „politische Sachtechnik“ eine Art von Wissensverwaltung, die das politisch relevante Wissen auf eine möglichst kleine Gruppe  von Ratgebern und den Souverän als Entscheidungsträger begrenzt. […] Zugrunde liegt dem die nicht ganz abwegige Vorstellung, dass Entscheidungen besser im kleinsen Kreis getroffen und Ziele besser im Verborgenen erreicht werden. Die Spaltung zwischen persönlicher Moral und öffentlichem Wohl wird als notwendige und stabilisierende Sphärentrennung propagiert.“

(Eva Horn; Leichen im Keller der Macht. Zur Theorie des modernen Staatsgeheimnisses; aus: Eskalationen – Die Gewalt von Kultur, Recht und Politik; Hrsg: Klaus R. Scherpe und Thomas Weitin; 2003; A. Francke Verlag Tübingen und Basel; S. 155 – S. 156 )

Wie und wo können und wollen/sollen wir teilnehmen (wollen) bei was?

 

#16.26

Was ist die Rolle der Kunst in einer westlichen Welt, die scheinbar versorgt, angstfrei, ernährt, zufrieden und friedlich ist? Ist moderne Kunst nur ein zynischer Blick auf den Fakt, dass es woanders Probleme gibt, die möglicherweise wir verursacht haben? Oder ein Reproduzieren von alten Stoffen, weil wir keine Zukunftsvisionen mehr zulassen?

Nach dem Treffen deutschsprachiger Schauspielstudierender in Bern habe ich einige Fragen und viel Skepsis gegenüber der Kunst in unserer zukünftigen Welt.

Warum flüchten wir uns in belanglose Themen und triviale Literatur? Sind Zukunfts- und Aussichtslosigkeit wirklich die einzigen Zustände einer neuen Generation?

Kann Kunst etwas verändern? Wie kann Kunst politisch sein? Wie kann Kunst für jedermann und jedefrau ansprechend und aktuell sein?

Sind Kunstformen wie das Theater gezwungenermaßen politisch, weil sie öffentlich sind?

Warum werden dann auf fast jeder deutschsprachigen Bühne veraltete Rollenbilder, Ideen und Stücke dargeboten? Ist es nicht absurd, dass ein auf hierarchischen und altmodischen Strukturen aufgebautes Staatstheatersystem antike griechische Stücke am Spielplan hat, die demokratischere Systeme suggerieren, als sie selbst eines sind? Ist das Publikum moderner Kunst nicht viel zu beschränkt auf eine gewisse Zielgruppe, als dass sie ein aussagekräftiges politisches Medium sein könnte? Wo kann politische Kunst stattfinden?

Die Utopie einer politischen Kunst lässt mich trotzdem nicht los.

 

#16.27

Workshop 0:

Negative Utopia! Nicht dieses und nicht jenes und bestimmt nicht so! Sie baut sich aus einer unendlichen Anzahl von „das nicht“-Aussagen auf. Wir sammeln Negationen bis unser Kopf implodiert. Bis die nicht-neue Welt zur nicht-alten Geworden ist.  Konstruktive Kritik war gestern!

Workshop 1.

Danton oder Robbespiere? Kann Danton noch immer ein Vorbild sein? Geht das noch in einer Welt, die uns stets zum geniessen anhält? In der Konsum macherhaltend wirkt? Lebemensch und Revolutionär_in!?  Vom Verhältnis von Askese, Kritik, Rausch und Ideologie.

Workshop 2

Don’t be yourself! Be someone better!

Lebensfreude wider besseren Wissens: Aberglauben und Bekenntnis nach Pfaller/Manonni/Sennet

mit grossem Praxisteil. Wir erforschen die Praxis des guten Lebens. Wozu lohnt es sich zu leben?. Anmut, Liebreiz und Haltung mitbringen. Check your Authenticity at the Door..

Workshop3

Kritik und Selbstkritik. Eine Revolutionäre Beichte für alle Widerständler und solche, die es werden wollen.  Wasche Dich rein von Deinen Ideologischen Sünden und überwinde Dein altes, egoistisches, kleinbürgerliches Ich!

 

#16.28

Lektürekreis: Hegemony and Socialist Strategy

Seit die konservative Rechte ehemals linke Strategien gekapert und subversiv umgedeutet hat, steckt die Linke in einer tiefen Theoriekrise. Die Überwindung des Marxismus durch postmoderne Autorx hat die ehemals theorieaffine Linke ratlos zurückgelassen und zu Zuschauern des Weltgeschehens werden lassen: So fehlt es nicht nur an Visionen, sondern auch und darüber hinaus an tiefenscharfen Gegenwartsanalysen mit kritischem Potential.

Einer der meines Erachtens vielversprechendsten Ansätze linker Theoriebildung ist das Programm, das Ernesto Laclau und Chantal Mouffe mit ihrem Buch »Hegemony and Socialist Strategy« (1985, Dt. Hegemonie und radikale Demokratie) präsentiert haben.

Die Zeit in der Neuen Welt soll dazu genutzt werden, um gemeinsam mit interessierten Mitstreiterx das Buch ganz oder in Auszügen zu lesen und zu diskutieren. Die Lektüre sollte nicht in erster Linie akademischen Gesichtspunkten folgen, stattdessen soll Lenins Frage: »Was tun?« im Zentrum stehen. Die Schwerpunkte der Lektüre sollen durch die Gruppe festgelegt werden.

10 Exemplare habe ich dabei, sodass das Buch Vorort von mir bezogen werden kann.

 

#16.29

How can we harness the energy and power of identity politics to foster real social change? The recent liberal focus on personal identity appears to have galvanized groups that value “tradition” group identities, such as nationality, binary gender affiliations, or religion. Increasingly it seems that these two movements are on a collision path. What common goals can we find? What can we teach each other?

There appears to be a liberal concesus about unlimited freedom, secularism, and personal fulfillment that has nonetheless proven to be difficult to translate to successful social systems. Are these the final goals of civilization, or just means to another, as yet unidentified, end?

Are our political systems failing to produce leaders who value pragmatic solutions to our most pressing problems: mass unemployment, social isolation, hunger and deprivation, impending environmental catastrophe? Is the problem in political participation or lack of leadership? If the former, how do we foster more public discussion and a sense of political empowerment? If the latter, how do we encourage more moral courage on the part of leaders, or produce more of them?

What responsibility do intellectuals have to win back the public trust? What can economists, for example, do to regain credibility and influence on policy decisions?

Wie können wir die Energie und Kraft der Identitätspolitik nutzen, um positive Gesellschaftsveränderung zu fördern? Der liberale Fokus auf die persönliche Identität scheint Gegenbewegungen galvanisiert zu haben, die „traditionelle“ Gruppenidentitäten, wie Nationalität, binären Geschlechterzugehörigkeit oder Religion hochschätzen. Zunehmend sieht es so aus, als ob diese beiden Bewegungen auf einem Kollisionskurs sind. Welche gemeinsamen Ziele können wir finden? Was können wir einander lehren und voneinander lernen?

Es scheint eine liberale Übereinstimmung über unbegrenzte Freiheit, Säkularismus und die Wert der persönlichen Erfüllung zu geben, die dennoch nachweislich schwer in friedliche und wohlhabende Gesellschaften zu übersetzen sind. Sind das die wichtigsten Endziele, oder nur Mitteln für einen anderen Zweck?

Sind unsere politischen und sozialen Systeme unfähig Leaders zu produzieren, die Wert auf pragmatische Lösungen für unsere drängendsten Probleme legen, nämlich die Massenarbeitslosigkeit, soziale Isolation, Hunger und Not sowie drohende Klimakatastrophe? Liegt das an mangelnder politischer Partizipation oder fehlender Führungsfähigkeit? Im ersten Fall: wie können wir die öffentliche Diskussion und ein Gefühl der politischen Mitwirkungsmöglichkeit mehr fördern? Im letzten Fall: wie fördern wir mehr Zivilcourage und gesellschaftlichen Verantwortung von unseren Leaders?

Welche Verantwortung haben Intellektuelle das öffentliche Vertrauen zurück zu gewinnen? Wie können zum Beispiel Ökonomen, Glaubwürdigkeit und Einfluss auf politische Entscheidungen wieder zu erlangen?

 

#16.30

Ich fahre ans Labor!

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen weissen Kittel: Eine unvoreingenommene Haltung, Offenheit und Naivität.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen weissen Kittel. Schutzbrille: Um durch fremde Augen und aus verschiedenen Winkeln zu sehen.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen weissen Kittel. Eine Schutzbrille. Reagenzgläser: Für den Gedankenaustausch.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen weissen Kittel. Eine Schutzbrille. Reagenzgläser. Substanzen: Gedanken, Gefühle, Ängste, Wünsche, Hoffnungen und Träume.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen weissen Kittel. Eine Schutzbrille. Reagenzgläser. Substanzen. Rezepte: Chaos und Ordnung.

Ich fahre ans Labor …

und vergesse meinen Koffer.

 

#16.31 

Beobachtung: Anfang Juli durfte ich eine Podiumsdiskussion moderieren, die aus sehr heterogenen Diskutant*innen zusammengesetzt war: eine Juristin, Dramaturgin, Literaturwissenschaftlerin, ein Journalist und Politiker. Thema: „Asylrecht: Menschenrecht oder Glücksspiel?“. Nachdem jede und jeder aus seiner und ihrer Perspektive sehr eloquent und intelligent argumentiert und auch mit- bzw. gegeneinander diskutiert hatte, wurde immer deutlicher, dass man sich gegenseitig eigentlich nicht wirklich nachvollziehen bzw. verstehen konnte. Latente Kommunikationslücken wurden sichtbar. Masturbation anstatt Geschlechtsverkehr. Das ist nicht schlimm, aber interessant.

Gedanke: Es liegt an uns, uns aus dem jeweiligen Elfenbeinturm – aus der eigenen ziemlich gut abgeriegelten und fast ungreifbaren Comfort Zone hinauszuwagen – und wahrscheinlich nicht zu wissen. Diese Lücken könnten wir erkennen und versuchen einander zu zu hören. Ich bin davon überzeugt, dass erst dann ein gemeinsames denken und gestalten möglich sein wird.

Genau das wünsche ich mir von diesem Labor.

 

#16.32

Am LUV will ich immer draussen sein.

Ich will mich an einem Gedankenstrang entlang hangeln mit drei, vier Abenteuerlustigen, die Gruppe kann sich wandeln, Menschen kommen dazu oder gehen, vielleicht auch ich, eingeschworen aber nicht. Wir hangeln uns an diesem Strang entlang, er ändert die Richtung, windet sich herauf und herab, schwingt sich von Gerüst zu Baum zu Hand, aber er reisst nicht, auch wenn es am Ende ganz andere Leute sind als am Anfang, die sich in ihm verheddern und ihn zugleich weiter häkeln.

Mit anderen, ganz viel schreiben, in Stichworten oder einen Text, gemeinsam, ganz viele Gedanken festhalten. Ich möchte Zeit haben, zu suchen und zu sammeln.

Utopiesuche.Vielleicht auch mit so Zetteli, weiss ich noch nicht, vielleicht auch nicht. Halbnaiv ein Bild zeichnen. Nicht dummnaiv. Er muss nicht hyperwissenschaftlichen stringent sein, der Strang, aber ich will laufend Dinge festhalten, so dass man sich durchwegs daran festhalten kann und am Ende ein Teilbeschrieb vor und hinter uns liegt.

Wo willst du beginnen? In der Gegenwart? In einem leeren Raum? In einem Menschen? Einer Theorie? Einer Idee?

Wer bist du? Das ist eine saugute Frage. Ich tendiere dazu, in einem staatsartigen Äh zu beginnen, ich glaube es ist eine Gesellschaft, ein gesellschaftliches, ökonomisches, soziales Konstrukt. Es darf dann schon nur ein Teilaspekt, muss nicht die ganze Gesellschaft sein. Natürlich springt man mal von einem Strang zum anderen, geht auch mal auf die individuelle Ebene. Aber ich glaube ich bin zu politisch, für dieses persönliche Eso-blah, dieses wie-fühle-ich-mich-am-Morgen-in-meiner-neuen-Welt?-Blah. Es ist aber ok, wenn es auch mitkommt.

Wie fühlst du dich am LUV am Samstagmorgen?

Am LUV? Ich glaube, total überfordert, voller Drang mehr zu lesen und mehr zu diskutieren und überhaupt nicht müde, sondern voller Energie, obwohl total übermüdet, ist ja klar!

 

#16.33

Auf die Zukunft freuen sich heute die Techis. Künstliche Intelligenz, extraterrestrisches Leben, totale Vernetzung und Transparenz, neue Demokratie durch eVoting. Wir ersetzen die grossen Bösen durch dezentrale Organisationen und Peer-to-Peer. Technologie und IT kann begeistern.

Moores Law besagt, dass sich die Rechenleistung alle 2 Jahre verdoppelt und sich der Preis pro Rechenleistung halbiert. Endloses Wachstum und Effizienzsteigerung ist in der IT buchstäblich Programm. Um die Kommunikationswege und Medien für unsere Neue Welt zu schaffen, müssen ständig neue Geräte hergestellt werden. Die Produktion findet weit weg von unserem Alltag unter für uns unvorstellbaren Arbeitsbedingungen statt. Die Rohstoffförderung und Verarbeitung benötigen Unmengen an Energie und produzieren giftige Abfallstoffe. (e-waste 2014 weltweit: 41.8 Millionen Tonnen [1]. Erwartetes Wachstum für 2017: 33%. [2])

Die IT lässt sich durch ihren intrinsischen Wachstums Charakter gut mit der kapitalistischen Verwertungslogik vereinbaren. Und es ist beeindruckend mit welcher Geschwindigkeit gute Technologien, die für effiziente, sichere Kommunikation zwischen Gleichgestellten entwickelt wurden, von wenigen, schnell wachsenden Tech-Firmen monopolisiert und monetarisiert werden. Damit verpufft das emanzipatorische Potenzial der neuen Technologien. Ich finde heraus, dass viel von meinem Wissen und meine Passion zum Programmieren auf einem hochkomplexen System ansetzt, das viele problematische Auswirkungen auf die Natur und die Gesellschaft hat und ideologisch auf endlosem Wachstum baut. Kann ich auf dieser Basis überhaupt auf sinnvolle neue Lösungen kommen?

Selbst um LUV zu organisieren wurde eine grosse Menge an Hard- und Software verwendet, wo also starten wir unsere Neue Welt? Auf was möchten wir als Gesellschaft setzten, was hat wirklich Nutzen für uns und wie können wir diese Basis nachhaltig und sozial herstellen? Wie können wir den Dialog zwischen direktionslosen, brillianten Techis und bewegungsunfähigen, genialen Philosophinnen ankurbeln? Im Luv möchte ich zusammen mit euch Antworten auf diese Fragen finden. Ich freue mich.

[1] http://unu.edu/news/news/ewaste-2014-unu-report.html

[2] http://www.livescience.com/41967-world-e-waste-to-grow-33-percent-2017.html