Labor Manifest

Die Welt ist schräg. Alles in Bewegung. Zeit für utopische Entwürfe. Die Zukunft macht etwas mit uns, und wir machen etwas mit ihr. Was ist dieses etwas und wie stehen wir dazu? Was wollen wir von der Zukunft und welche Möglichkeiten der Gestaltung haben wir?

Ein Labor mit Utopieverdacht ist ein selbstorganisierter, respektvoller, ergebnisoffener und transdisziplinärer Raum der Kollaboration, in dem sich alle Anwesenden gemeinsam solchen Fragen stellen. Im Laufe des Labors entstehen so verschiedene Formate, Themen und offene Gruppen, die gemeinsam von Tag zu Tag neu konstituiert und weiterentwickelt werden.

Ein Labor mit Utopieverdacht ist eine bewusste Auszeit aus dem Alltäglichen. Es bietet die Möglichkeit, gesellschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen nicht ohnmächtig ausgeliefert zu sein, sondern diese gemeinsam mit anderen Menschen zu reflektieren und darauf zu reagieren, Nischen zu gestalten. Herrschende Kategorien wie Effizienz, Output, Wettbewerb und Kreativitätszwang sind dabei ausser Kraft gesetzt.

Ein Labor mit Utopieverdacht ist eine Veranstaltung, für die sich Menschen frei nehmen, sich einzig darauf festlegen, voll dabei sind und vorher nicht wissen, was auf sie zukommt. Es ist ein Bekenntnis zum aktiven Leerlauf.

Ein Labor mit Utopieverdacht stellt sich der Zukunft mit kritischer Naivität und Mut zur Selbstorganisation. Es herrscht strukturierte Strukturlosigkeit: leere Tage voller Möglichkeiten. Die inhaltlichen Schwerpunkte und die methodischen Herangehensweisen folgen aus individuellen und kollektiven Dringlichkeiten. Alles kann, nichts muss.

Ein Labor mit Utopieverdacht geht mit folgenden Erwartungen einher:

I Selbst-Selektion & Inklusion
Es gibt keinen Auswahlprozess der Teilnehmenden nach irgendwelchen Kriterien. Es gibt keine extrinsische Anreize für die Teilnahme. Alle Anwesenden achten gemeinsam auf eine Kultur der Inklusion, in der die Bedürfnisse aller Laborierenden Rücksicht erfahren.

II Selbstorganisation
Ein Labor hat keine inhaltliche Leitung. Einzig der erste Tag ist moderiert. Danach werden die Gastgeberinnen und Organisatorinnen zu äquivalenten Laborant*innen. Auf die Selbstorganisation wird vertraut. Es gibt keine Fallback-Pläne, Workshop-Slots, Keynote-Speakers oder ähnliches. Die Inhalte entstehen nach kollektiver Dringlichkeit vor Ort.

III Zeit und Raum
Der Ort, gemeinsame Mahlzeiten, ein tägliches Plenum und ein für alle Laborierenden zugänglicher Raum bilden den strukturellen Rahmen des Labors. Die Laborierenden nehmen sich die Freiheit, die ganze Zeit über da zu sein.

IV Diskurs
Herrschende Kategorien wie Effizienz, Output, Wettbewerb, Kreativitätszwang sind ausser Kraft gesetzt. Es gibt keine Suche nach der besten Idee oder dem kreativsten Beitrag – niemand gewinnt. Das gemeinsame Denken und Handeln steht im Zentrum. Ein Labor lebt eine kritische und respektvolle Gesprächskultur.

V Offenheit & Empathie
Alle Formate des Labors sind prinzipiell offen. Sich von einer Gruppe zu entfernen wird nicht als Wertung verstanden. Als Kollektiv und Einzelpersonen nehmen die Laborierenden auf individuelle Bedürfnisse der Anderen Rücksicht und begegnen einander mit Wohlwollen und Respekt.

VI Kein Output
Der Zweck eines Labors ist der Prozess, nicht der Output. Es darf etwas passieren, etwas entstehen und bestehen bleiben, aber es muss nicht. Ein Labor bietet verschwendungsvollen Raum, in dem utopisches, imaginatives und kreatives gemeinsames Denken möglich ist und Transdisziplinarität entsteht.

VII Selbstbestimmung
Laborierende entscheiden frei, wie sie ihre Zeit einteilen, woran sie teilnehmen möchten und woran nicht. Nichts muss stattfinden. Vieles kann stattfinden. Formate dürfen auch parallel stattfinden.

VIII Der Anfang
Der moderierte erste Tag dient dem Zweck, gemeinsam den Rahmen für eine erfolgreiche Selbstorganisation in den folgenden Tagen zu schaffen. Drei Elemente sind dafür zentral: Erstens haben alle Laborierende mit allen einmal Kontakt. Zweitens definieren sie gemeinsam das Zusammenleben am Labor. Drittens bekommen die Dringlichkeiten und Ideen der Laborierenden Aufmerksamkeit.