Räume der lustvollen politischen Debatte

Woher?

Die Idee entstand aus dem Bedürfnis vor der Abstimmung am 28. Februar 2016 (u.a. «Durchsetzungsinitiative»), zwischen Küchentisch und Demo einen Raum zu schaffen, um genussvoll über die Abstimmung zu debattieren. Abstimmen kann mehr sein als ein weiterer Punkt auf der ToDo Liste oder ein Like-Button auf Social Media. Beim Raum der lustvollen politischen Debatte geht es darum die virulente digitale Debatte – die dank der digitalen Revolution schon durch wenige müde Klicks befeuert werden kann – wirkungsmächtig in den physischen Raum zu überführen.

„Heute wird kaum mehr ernsthaft gedacht, sondern gesammelt, was sich in die eigenen Überzeugungen einfügt. Dabei ist das Zweifeln an eigenen Positionen gerade jetzt so wichtig. […] Ist das mühsam als Prozess? Ja, brutal. Ist das langsam? Ja, entsetzlich. Nervt das gelegentlich? Ja, höllisch. Aber das ist das, was eine demokratische Öffentlichkeit ausmacht, in der sich die Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker darüber verständigen müssen und dürfen, wie sie leben wollen. Dass es aber überhaupt um Verständigung geht, miteinander, dass es nicht nur zweistimmig, sondern mehrstimmig dabei zugeht, das wird wieder zu lernen sein. Es verlangt die Bereitschaft, auch Irrtümer einzugestehen, blinde Flecken der eigenen Sozialisation oder des eigenen Milieus zu entdecken und das Wagnis, mal die Perspektive anderer einzunehmen, um zu schauen, was sich von dort aus sehen oder denken ließe.“ Caroline Emcke

Weshalb?

  • Wir nehmen einerseits war, dass die Stimmbeteiligung junger Menschen immer mehr zurückgeht und andererseits die politischen Beiträge auf Social Media Plattformen um ein Vielfaches zunimmt.
  • Liken bildet nicht. Liken ist nicht kritisch reflektieren. Liken kann eine Wirkung im physischen Raum erzielen, aber nur wenn das Subjekt weiss, was es liked, warum es liked und wozu es liked.

Was wollen wir damit erreichen?

  • Transformation der digitalen und virtuellen politischen Diskussion in den physischen Raum
  • Vertiefte, diskursive und diverse Auseinandersetzung mit den abzustimmenden Sachverhalten
  • Über Demokratie streiten, Demokratie mitgestalten, Lust auf direkte Demokratie wecken
  • Genussvolles Wahrnehmen des Bürger-Seins

Was soll es sein?

  • Regelmässige wiederkehrende Salons vor allen Abstimmungen parallel in unterschiedlichen Nachbarschaften bzw. Kreisen
  • Gesinnungsneutraler (oder wenigstens so tun als ob) Denkraum, wo Menschen über die jeweiligen Abstimmungen sprechen und sich durch die Diskussion und durch das gemeinsame Lesen der Stimmvorlagen und den entsprechenden medialen Berichterstattungen eine Position zu den konkreten Vorlagen bilden und somit informiert und überzeugt abstimmen können.

Was sind Voraussetzungen für das Gelingen?

  • Diversität der Teilnehmenden (Bildung, soziales Umfeld, Alter, Branche)
    Breite und regelmässige Werbung bis es sich etabliert hat (Partei-Verteiler, Soziale Plattformen, Flugblätter in der Nachbarschaft, etc.)
  • Regelmässigkeit der Veranstaltungen und Kontinuität innerhalb der Denkräume, sodass die Bürger*innen einfach vorbei kommen können ohne einen grösseren Aufwand betreiben zu müssen

Was sind offene Fragen?

  • Struktur des Raums der lustvollen politischen Debatte: Offene Plattform, kuratierte Veranstaltung, informeller Salon?
  • Was bieten wir an (ausser einem Raum und einem Thema)? Ausweitung in Metadiskurse?
  • Anzahl der Personen pro Diskussionrunde? Diversität der Personen pro Diskussionsrunde?
  • Zeitpunkt(e) der Raumeröffnung: (Abstimmungs-)Sonntag morgen? Nach Erhalt der Stimmcouverts? Mehrmalig?
  • Wie geht man mit der Zeit um? Was ist ein gutes Zeitmanagement des jeweiligen Denkraums?
  • Was wäre ein passender Titel? (Vor der Abstimmung vom 28. Februar 2016 war es «Abstimmungsdienstleistung»)

Welche Erkenntnisse ziehen wir aus dem ersten Mal?

  • Das Ausfüllen der Abstimmungszettel und die Diskussion sind gut trennbar. Das Ganze funktioniert besser, wenn man noch nicht abgestimmt hat.
  • Lautes Lesen der Vorlagen ist super. Auch das Unterbrechen und Nachfragen während dem Lesen.
  • Eine jeweilige Kontextualisierung ist sinnvoll. Die Moderator*innen müssen zusätzliche Materialen bereit haben: Argumentarien der Parteien oder politischer
  • Netzwerke, Rechtsgrundlagen (ZGB, StGB, etc.), Journalistische Publikationen (Zeitungsartikel, etc.)
  • Eine Vorlage braucht mindestens eine Stunde.
  • Lustvolle Gastgeberschaft ist notwendig: Tischtuch, Kerzen, Snacks, Getränke und Zigaretten, Schokolade.

Was sind mögliche Szenarien?

  • Open space: Es gibt eine Anfangszeit, aber man kann kommen und gehen wann man will. Es gibt Moderatorinnen (= Gastgeberinnen), die Wein und anderes ausschenken, zusätzliches Material bereit haben und ausreichend informiert sind, um die Diskussion zu strukturieren und zu vertiefen. Es wird gemeinsam in der Gruppe entschieden, welchen Vorlagen und Fragen man sich wie und wie lange widmen will. Die Personen können spontan vorbeikommen, da sie wissen, dass wir da sind (weil es vor jeder Abstimmung so ist).
  • Prä-kuratierte Veranstaltung mit definiertem Thema und zeitlichem Anfang und Ende. Das Thema bzw. die zu behandelnden Stimmvorlagen werden im Voraus bestimmt. Wahrscheinlich sind es zwei pro Veranstaltung. Im Zentrum stehen die Texte, die im Abstimmungsheft abgedruckt sind. Letztere werden von Schauspielerinnen gelesen oder auf andere Art (performativ) präsentiert. Nach der jeweiligen Lesung teilt man die Gruppe in sinnvolle Diskussions-Klein-Gruppen ein. Diese werden von einem oder einer Gastgeberin moderiert.
  • … und dann ziehen wir durchs Land…

“Die Liebe ist das intime Hinausgehen des Menschen über sich selbst. Das Bürgersein ist das gesellschaftliche Hinausgehen über sich selbst.” – Frank A. Meyer