Labor mit Utopie Verdacht. Augenzeugenbericht der Geschichte eines Versprechens

Was kann denn schon schief gehen, wenn man etwa 30 Menschen aus verschiedenen Disziplinen und Arbeitsbereichen, etwas abgeschieden von der restlichen Welt, zusammenbringt und eine Woche lang versucht gemeinsam eine Neue Welt zu entwerfen?

Nun, recht viel, eigentlich. Denn der Anspruch dieses Labors könnte nicht höher sein: Es geht um nichts weniger, als einen Ort zur Verfügung zu stellen, der selbst bereits ein Hauch des Utopischen in sich trägt. Das bedeutet, einen Ort zu stiften, an dem ein Schimmer dessen, was vielleicht an anderer Welt zu errichten wäre, bereits zu erahnen ist. Es heisst, einen Ort stiften, in dem das Mögliche noch in ernsthafte Konkurrenz zu dem Bestehendem treten kann. Wie aber gestaltet man ein Labor, entkoppelt und entfernt, in dem der Wagemut des Hoffnungsvollen und die Kühnheit des Fantasten nicht bereits im Keim erstickt werden, sondern die Bedingung der Möglichkeit darstellen, dass etwas grosses zu wachsen beginnen kann? Solch ein Ort müsste grosszügig sein, müsste gewähren können und müsste die Signatur der Utopie tragen, die er zu denken erst ermöglichen will. Ein Labor mit Utopieverdacht, eben.

So ein Unterfangen muss scheitern. Das ist ein unhaltbares Versprechen.

Und tatsächlich, allzuschnell reckt die Wirklichkeit ihren unbarmherzigen Zeigefinger in die Luft: schon ihr erster Einspruch, die Forschergruppe im Labor sei zu homogen, zu bürgerlich, zu reich, zu weiss, zu männlich, zu heterosexuell, zu gebildet, zu links, zu liberal, etc., ist allzu penetrant. Wie soll eine Utopie für alle sein, wenn schon ihre Genese mit Exklusivität und Elite so dicht verwoben ist? Wir beginnen trotzdem: reden, schreiben, malen, streiten, träumen, diskutieren. Wir versuchen die Dinge anders zu machen, experimentieren mit anderer Organisation, anderen Verfahren, anderen Parametern zur Beurteilung dessen, was wir da treiben. Doch die Wirklichkeit lässt sich nicht beirren; sie schüttelt hohntriefend weitere Diskrepanzen, Ambivalenzen und Widersprüche aus dem Ärmel, die uns verunsichern und zweifeln lassen. Sie will einfach nicht damit aufhören. Abwechselnd wirft sie uns die Naivität, dann die Eitelkeit und Anmassung unseres Vorhabens vor. Inzwischen sind wir im Kampf um die Utopie in narzisstische Grabenkämpfe der minimalen Differenz versunken. Die Vertreter der positivistischen Wissenschaften beharren auf ihren Pragmatismus, die Geisteswissenschaftler wehren sich reflexhaft mit Empörung und die Künstler versuchen sich davon zu überzeugen, dass ihre Tätigkeit überhaupt relevant ist. Abends fliesst der Wein. Er hilft etwas, um weiter daran zu glauben, es könne etwas Wegweisendes hier entstehen.

Am morgen folgt die Ernüchterung: sie ist wirklich verdammt hartnäckig, diese Wirklichkeit. Hartnäckig und schadenfroh. Sie verliert scheinbar nie die Lust daran, uns unter die Nase zu reiben, so sehr wir es auch versuchten, niemals könnten wir uns selbst entkommen. Immerzu erinnert sie daran, dass ‚gut gemeint‘ allzuoft sich ins Gegenteil verkehrt, und dass Vorsätze und Pläne noch immer die Witze der Götter sind. Sie lacht darüber, wie wir hilflos neben uns stehen, während wir all das wiederholen, was wir eigentlich sein lassen wollten. Wie wir das Trauma, das uns die Wirklichkeit beigebracht hat, wie zwanghaft immer wieder reproduzieren. Spöttisch hallt es von den Burgmauern – selbst Brecht gegen uns gewendet – : „Denn für dieses Leben…“

Dieses Mal sind wir ohne Neue Welt aus Rothenfels zurückgekehrt. Die beklemmende Ahnung, wir sind Zeugen einer Vorkriegszeit, ist nicht gebannt. Die beängstigende Ausbreitung grausamer Ausbeutung und brutaler Repression weltweit, ist noch immer ungebrochen. Auch zu Hause sind marodierende Bigotterie und salonfähig gewordene Verrohung weiter auf dem Vormarsch. Wir konnten in Rothenfels die Tendenz zum zivilisatorischen Regress nicht aufhalten. Die Wirklichkeit hat uns vorerst geschlagen. Und doch, aus der Ferne, inmitten der Scherben und Scharmützel, inmitten des Scheiterns, lässt sich ein zartes Aufbäumen erkennen. Aus den Trümmern unseres Bemühens erscheint langsam und vorsichtig die Möglichkeit, es ginge doch anders und die stramme Unbesiegbarkeit der Wirklichkeit, die uns zu erdrücken droht, gerät ins Wanken. Dort, nämlich, in Konfrontation mit unserem Labor, wo die Wirklichkeit nur mit aller Gewalt und Grobschlächtigkeit in der Lage war, ihre Herrschaft durchzusetzen, verriet sie sich, gleich dem prügelnden Patriarchen, als impotent. Die Fragilität ihres Herrschaftsanspruchs hat sich dort in Rothenfels, in unserem Labor offenbart. Dort läge unsere Chance. Wenn wir mehr Zeit hätten, wenn wir weitermachen könnten, mehr Ressourcen hätten, dann wäre da anzusetzen: an der deutlich gewordenen Schwäche der Wirklichkeit, die sie hinter allzuviel Gewalt verbirgt, dass sie nur zufällig so ist, wie sie ist. Das Bestehende mag zwar stur und bockig sein, die Wirklichkeit wohl jähzornig und renitent, doch unüberwindbar ist sie nicht. Das Labor hat uns gezeigt, Arbeit an der Welt und am Menschen ist möglich. Multiplikatoren sind wichtig. Wenn es funkt, ist auch Feuer möglich. Utopie ist denkbar, Utopie ist machbar. Das haben wir erfahren und in diesem Sinne hat das Labor mit Utopieverdacht, wider alle Wahrscheinlichkeit, sein unhaltbares Versprechen gehalten: Teilhabe am Utopischen.

– Marcel Grissmer