Bullshit Jobs

Wir fahren durch das endlose Amerika. Perfekt geschnittener Rasen wechselt sich mit scheinbar unberührtem Wald ab. Ich leite den Weg: immer gerade aus. Mein Freund fährt: immer gerade aus. Wir streiten. “Wir können in einer Welt leben, in der kein Mensch sinnlose und entfremdete Arbeit machen muss.” “Nein! Irgendjemand muss doch die scheiss Arbeit machen.” 
Vor einer Stunde sind wir durch einen Industrievorort gefahren. Graue Farbe an den Gebäuden, Leere in den Augen, Schwere in den Schritten. Kein Ort für schönes Leben.

Nein, niemand muss die scheiss Arbeit machen. Wie kommt es, dass wir in einer Zeit in der mit Digitalisierung und Automatisierung wieder alles möglich scheint, fest daran glauben, dass ein Grossteil der Menschen Bullshit Jobs machen müsse?

Es ist eine Ausrede zu behaupten, jemand müsse die Jobs machen. Wenn wir einen Tesla bestellen und der Marsmission entgegenfiebern, dann ist es auch möglich, in einer Welt leben zu können, in der niemand Bullshit Jobs machen muss. Doch es scheint niemanden zu interessieren, denn wir jungen, gut gebildeten Westeuropäer_innen müssen keine Bullshit Jobs machen. Sie werden für uns gemacht.

“Es ist arrogant zu fordern, alle sollen eine schöne Arbeit haben. Es können nicht alle Künstler, Schriftsteller und Sänger sein.”

Nein, arrogant ist es, sich selbst zu verwirklichen und das Recht für sich in Anspruch zu nehmen, eine erfüllende Arbeit zu finden. Dabei aber schulterzuckend zu akzeptieren, dass ein Grossteil der Menschen Bullshit Jobs macht. Meistens sogar als Dienstleistung für uns.

Denn es muss nicht so sein. Arbeit kann so organisiert werden, dass sie im Dienste des Menschen steht und nicht der Mensch im Dienst der Arbeit. Warum sehen wir es als gegeben an, dass Menschen den ganzen Tag im Büro sitzen und Excel Files ausfüllen müssen? Warum glauben wir, muss es jemanden geben, der am Fliessband steht und sich an heissen Brötchen die Finger verbrennt?

Zumal „wir“ oftmals die sind oder sein werden, die die Regel dafür festschreiben, wenn wir Unternehmen gründen, Abteilungen leiten, Gesetzte ausarbeiten oder uns Gedanken über die Gesellschaft von morgen machen. Es liegt auch in unserer Hand. Wovor haben wir Angst?

Eine Utopie provoziert, irritiert und kritisiert. Eine gute Utopie ruft Ablehnung hervor. Sie zeigt, wie schön es sein könnte. Doch weil es so unrealistisch scheint, ist die Reaktion um so heftiger. „So schön könnte die Welt sein? Das kann nicht sein, die Welt ist nicht schön.“ Die heftige Ablehnung und die Aggressivität mit der auf eine Utopie reagiert wird, zeigt, dass man auf den richtigen Weg ist. Widerstand ist ein Zeichen dafür, dass sich etwas verändert. Nicht hin zu einer totalitären Gesamtutopie, aber zu einer Zukunft, in der vieles, was uns jetzt utopisch anmutet, sein kann und darf.

Nach einem langen Anstieg öffnet sich vor uns die amerikanische Weite. Wir halten an und schweigen eine Weile. “Das, ist also eine Utopie.”

– J.R.

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